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50 Jahre Frauenfußball: Es gibt noch immer viel zu tun

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Wenn ich die Coronakrise ausblenden könnte, würde ich mich eupho
 

Fever Pit’ch

30. Oktober · Ausgabe #448 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Wenn ich die Coronakrise ausblenden könnte, würde ich mich euphorisch auf das Wochenende freuen. Köln gegen Bayern, Bielefeld gegen Dortmund, Gladbach gegen Leipzig: Allein der Samstag verspricht Höchstspannung.
Aber schon heute Abend, Schalke gegen Stuttgart, fällt eine gewisse Vorentscheidung, wohin die Reise des FC Schalke 04 diese Saison geht. (Sofern man das überhaupt nach dem 6. Spieltag sagen darf.)
In diesem Zusammenhang erinnere ich nur ungern an unser Tippspiel, wo ich auf Platz 3710 liege und damit im Mittelfeld zwischen Peinlichkeit und Hoffnungsschimmer. Bitte schaut nicht meine Tipps diese Woche an!
Lieber unternimmt Fever Pit'ch heute drei Zeitreisen. Im Aufmacher zur Entstehungsgeschichte des Frauenfußballs in Deutschland. Im Podcast zu Diego Maradona. Im Steudel-Text zur Sakko-Vergangenheit des DFB.
Alles lenkt von der entscheidenden Frage ab: Wie kommt die Bundesliga durch die zweite Welle der Coronakrise? Der BVB beklagt die Geisterspiele, Mönchengladbach ruft dagegen zur Ordnung. Es gibt viel zu bereden.
Ein geistreiches Wochenende wünscht
Euer Pit Gottschalk

50 Jahre Frauenfußball: Es gibt noch immer viel zu tun
Das Runde muss ins Eckige
Das Runde muss ins Eckige
"Decken, decken - nicht Tisch decken!"
Von Pit Gottschalk
Bis heute provoziert die Frage, wer vor fast fünf Jahrzehnten das erste Tor im Westfalenstadion in Dortmund geschossen hat, zu einer abendfüllenden Diskussion. Was feststeht: dass es eine Frau war, die am 2. April 1974 Punkt 18.18 Uhr das Führungstor zwischen TBV Mengede 08 und VfB Waltrop (1:2) erzielte. Aber ob es Margarethe Schäferhoff war, wie es die meisten Quellen nahelegen, oder doch Elisabeth Podschwadtke, lässt sich nicht mit letzter Bestimmtheit sagen.
Die Männerwelt hatte das Eröffnungsspiel des neugebauten Fußballtempels als Vorspiel abgetan, was sowohl die Geringschätzung der damaligen Zeit ausdrückte als auch zu keiner formalen Dokumentation der Spielstatistik zwang. So wurde Frauenfußball damals behandelt: Man konnte ihn nicht mehr verhindern, seit der DFB vier Jahre zuvor Frauen auf dem Fußballplatz offiziell genehmigt hatte - aber gebührend zelebrieren wollte man die neue Frauenpower auch nicht.
Heute, exakt 50 Jahre nach dem DFB-Bekenntnis zum Frauenfußball in Deutschland, hat sich in der Wahrnehmung, dass Fußball keine reine Männersache mehr ist, einiges zum Guten gewendet. Das heißt umgekehrt nicht, dass alles gut ist. Auf seiner Website lässt der Verband keine Statistik zum Frauenfußball mehr aus, alles von den U15-Juniorinnen bis zur A-Nationalmannschaft ist dort detailliert zu finden. In der Realität ist der Weg zur Gleichberechtigung aber noch lang.
In Brasilien zahlt der Verband zum Beispiel männlichen und weiblichen Spielern, die im Namen ihres Landes Siege feiern, inzwischen dieselben Erfolgsprämien. In Deutschland ist man schon froh, dass die Nationalspielerinnen nicht mehr mit einem Kaffeeservice abgespeist werden, wie es in den 80er-Jahren noch der Fall gewesen ist. 1981 hatte man sich nicht einmal dazu aufraffen können, eine eigene Nationalmannschaft zur ersten Frauen-WM nach Taiwan zu entsenden.
Die SSG Bergisch Gladbach 09, damals mit der charismatischen Spielertrainerin Anne Trabant-Haarbach die beste Frauenmannschaft im Land, sollte die deutschen Farben in Fernost vertreten. Schon an diesem Beispiel erkennt man heute noch, wie die alten Herren in der DFB-Führung damit haderten, dass ihr Sport auch von Frauen betrieben wurde. Die Erlaubnis zum Frauenfußball war am 31. Oktober 1970 in Travemünde nur unter strengen Auflagen erteilt worden.
"Die guten Trainer waren bei den Männern - das ist noch heute so" "Die guten Trainer waren bei den Männern - das ist noch heute so"
Frauen, die Fußball spielen, sollten „aufgrund ihrer schwächlichen Natur“ ein halbes Jahr Winterpause einlegen. Das Archiv listet auf: Stollenschuhe waren verboten, die Spielbälle kleiner und leichter, die Pflichtspiele auf 70 Minuten begrenzt. Der ZDF-Sportjournalist Wim Thoelke kommentierte Spielszenen beim Frauenfußball mit dem legendären Satz: „Decken, decken - nicht Tisch decken!“ Das alles ist keine fünfzig Jahre her.
Bergisch-Gladbach wollte sich damals das Taiwan-Abenteuer trotzdem nicht entgehen lassen und finanzierte die WM-Teilnahme aus eigener Tasche und mithilfe der örtlichen Stadtsparkasse. Es stand ja mehr auf dem Spiel als das Abschneiden bei einem Turnier auf der anderen Seite der Weltkugel. Es ging um: Wertschätzung, Anerkennung, Gleichberechtigung. Der WM-Sieg 1981 als „Team Germany“ sollte ein historisches Ereignis in der Verbandsgeschichte werden.
Erst zu diesem Zeitpunkt, elf Jahre nach der mürrischen Freigabe von Travemünde, erkannte der DFB, dass Frauenfußball eine Bewegung ist und keine Zeiterscheinung. Im Nachhinein kann man wohlwollend argumentieren: besser spät als nie. Zwei WM-Siege feierte die Nationalmannschaft der Frauen seitdem, dazu acht EM- und einen Olympiasieg. 2011 fand die Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Die nächste Bewerbung für 2027 läuft inzwischen. Der Push ist nötig.
Ja, die Zuschauerzahlen in der Frauen-Bundesliga waren schon vor der Coronakrise überschaubar. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Die Frauen des VfL Wolfsburg, inzwischen das Maß aller Dinge im deutschen Frauenfußball, spielten ihr Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon (1:3) vor einem Millionenpublikum bei Sport1. Im Ausland sind volle Stadien beim Frauenfußball längst keine Seltenheit; in Deutschland schon.
Eine Arte-Dokumentation zu jenem wegweisenden Taiwan-Abenteuer der SSG Bergisch Gladbach erzählt von einem hübschen Gedanken, den eine Spielerin angesichts der Begeisterung hatte, die man beim Empfang im Stadion 1981 erlebt habe. Die Heimat sei einem „wie ein Entwicklungsland beim Frauenfußball“ vorgekommen. Von einem Entwicklungsland mag man heute nicht mehr sprechen. Aber der DFB hat noch immer einiges zu tun.
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Nagelsmann und der karierte Sakko-Fluch
Von Alex Steudel
Mit Fußball und Mode ist es so eine Sache. Wenn du als Fußballer total ausgefallenen Kram anziehst und beruflich Erfolg hast, giltst du als wegweisend und visionär. Wenn du mit der gleichen Klamotte baden gehst, steigt dein Trottel-Index. 
Am Mittwoch musste RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann viele Fragen zu seinem Sakko beantworten. Das sah nämlich ein bisschen komisch aus. Ich meine das nicht abwertend, sondern im fußballhistorischen Zusammenhang. Auf seltsam großkarierten Sakkos lastet ein Fluch, seit Uli Stielike eines für eine Pressekonferenz anzog, weil er irrtümlich dachte, er werde da jetzt als Bundestrainer vorgestellt. Wie sich gleich darauf herausstellte, war er nur zweiter Mann hinter Erich Ribbeck. 
Wenn du dich als Bundestrainer expressionistisch kleidest, ist das okay, du stehst ja auf dem Gipfel. Als Assistent ist das eine ganz andere Sache. Viele Menschen haben Gewinner Ribbeck übrigens einen Sakko-Fluch an den Hals gewünscht, als Deutschland unter ihm spielte wie Stielike sich kleidete, aber das ist eine andere Geschichte.
Mehmet Scholl war zum Beispiel mode- und musiktechnisch immer ganz vorn, und er spielte auch noch erfolgreich Fußball. Er war einer, der konnte sich alles leisten.
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Gerade deshalb hat Scholl sein Schicksal manchmal herausgefordert. Ich erinnere mich daran, wie er Ende der 90er Jahre nach dem Training aus der Bayern-Kabine trat und zum Erschrecken vieler Anwesenden Jeans anhatte, die unten zehn Zentimeter umgeschlagen waren. 
Ich hatte das seit meiner Kindheit nicht gesehen und war zugegebenermaßen skeptisch, sagte aber nichts. Ich ahnte nicht, dass wir eines Tages alle mit unten umgeschlagenen Hosen herumlaufen würden.
Ein sehr netter Kollege von der Bild-Zeitung machte aus seinen Gedanken kein großes Geheimnis. “Scholli!”, rief er über den Parkplatz, “gab’s die Hose nicht mehr in deiner Größe?” Wir mussten alle lachen, aber die jüngere Mode-Geschichte hat Mehmet Scholl reingewaschen.
Wenn du gut bist, hast du immer Recht. Wenn ich am ersten Arbeitstag im neuen Job alle anderen anpöble, bin ich ein Flegel. Wenn ich das gleiche ein paar Jahre später nach ein paar Milliardenerfolgen mache, bin ich Steve Jobs. 
Trainer im Lauf der Zeit: enge Hemden, weite Hosen Trainer im Lauf der Zeit: enge Hemden, weite Hosen
Ich denke gerade auch an Leroy Sanés seltsam angepinselte Lammfelljacke, die er 2019 nebst Louis Vuitton-Backpack für 18.000 Euro zur Nationalmannschaft mitbrachte. Sané ist zwar erfolgreich, aber so erfolgreich dann auch wieder nicht. Er hat nix Europaumfassendes gewonnen, entprechend wurde er verspottet (“Wenn du bei der Party lattenzu eingepennt bist und ‘Freunde’ deine Jacke bemalt haben”, schrieb einer bei Twitter).
Ja, man findet sehr selten Fußballer, die klammottenunabhängig ausgelacht werden. Wenn, dann sind sie meistens vom HSV. 
Und so ist es eben jetzt gerade auch mit Nagelsmann: Wer in Manchester 0:5 verliert und dabei ein weltweit sichtbares, kariertes Sakko anhat, der hat halt einfach Pech gehabt.
Alle mal herschauen!
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