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Als mir Franz Beckenbauer das Rauchen abgewöhnte

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Ich war dabei, als Franz Beckenbauer 1994 den Ball vom Weizenbier
 

Fever Pit’ch

11. September · Ausgabe #413 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Ich war dabei, als Franz Beckenbauer 1994 den Ball vom Weizenbierglas wegschoss und unten rechts in der ZDF-Torwand versenkte. Der FC Bayern war an dem Tag Deutscher Meister geworden, die 13. Meisterschaft in der langen Vereinsgeschichte. Beckenbauer, noch amtierender Weltmeister-Teamchef von 1990, beendete als Interimstrainer die vier Jahre dauernde Durststrecke des FC Bayern.
Ein halbes Jahr lang hatte er eine dümpelnde Mannschaft aufgemöbelt und zum Meistertitel geführt. Sowas konnte er: einen leck geschlagenen Kahn wieder flottmachen. Vielleicht begründete diese “verflixte 13. Meisterschaft”, wie der damalige Präsident Fritz Scherer stöhnend frohlockte, den Wendepunkt in der jüngeren Vereinsgeschichte.
Auf Beckenbauers Husarenstück folgte eine Erfolgsserie von 17 Meistertiteln in 25 Jahren. Hätte er die Fußball-WM nicht nach Deutschland geholt: Wer weiß, ob Bayern München heute in der Allianz-Arena spielte. Auch sowas darf man nicht vergessen, wenn man ihn beurteilt.
Franz Beckenbauer wird heute 75 Jahre alt. Wie man ihn als junger Reporter erlebte, hat Alex Steudel für Fever Pit'ch aufgeschrieben.
Einen kaiserlichen Freitag wünscht
Euer Pit Gottschalk
In eigener Sache
Sonntag 11 Uhr SPORT1 einschalten! 25 Jahre Doppelpass - mit Uli Hoeneß und Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich. Und mir.

Franz & Franz: Beckenbauer mit Bulle Roth
Franz & Franz: Beckenbauer mit Bulle Roth
"Franz ist nicht nur ein Engel"
Als mir Franz Beckenbauer das Rauchen abgewöhnte
Von Alex Steudel
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich Franz Beckenbauer persönlich kennengelernt habe. Es muss irgendwann Ende der 90er Jahre gewesen sein. Ich war damals bei der Abendzeitung. Ich weiß noch genau, dass mein Herz bis zum Hals pochte. Ich stand vor ihm und fragte irgendwas. Vermutlich im Olympiastadion nach einem Spiel der Bayern. Ich schaute ihn ehrfürchtig an, dabei war ich Sportreporter, und die dürfen das eigentlich nicht. Ging aber nicht anders. Er war kleiner, als ich gedacht hatte, für einen Kaiser. Oder zumindest für diesen legendären Mann, der Deutschland zum WM-Titel geführt hatte, als ich acht Jahre alt war. 
Daran erinnere ich mich aus einem anderen Grund sehr genau: Ich verfiel am 7. Juli 1974 dem Fußball. Die Sache hatte sich in den Wochen zuvor zusammengebraut, doch am 7. Juli, beim WM-Finale Deutschland gegen Holland, passierte es. Ich saß in Griechenland alleine vor einem Schwarz-Weiß-Fernseher und wunderte mich über mich selbst: Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben ein komisches Gefühl im Oberkörper. Es war Herzrasen. Deutschland gewann. 
Als Franz Beckenbauer nach dem Abpfiff den Pokal in die Höhe hob, bekam ich Gänsehaut. Herzrasen und Gänsehaut sind die zwei wichtigsten Zutaten des Fußballs, das weiß jeder. Ich bekam sie beide an einem einzigen Tag verabreicht. Und Franz Beckenbauer war dabei. 
Als die Übertragung beendet war, ging ich raus auf die Straße. Ich versuchte, meinen Plastikball so wie Franz mit dem rechten Außenrist zu spielen. Ihn gegen einen Baum zu schlenzen, ich wollte kurz so sein wie er. Aber der Ball kullerte über den Parkplatz.
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Was kann man über Franz Beckenbauer Positives sagen und was Negatives? Ich fange mit dem Negativen an, denn es hängt direkt mit dem Positiven zusammen. Was mich an Beckenbauer immer wieder erstaunt hat: Wie er wahrgenommen wird. Die meisten Menschen, die ich kenne, äußern sich erstmal abfällig über ihn. Der Beckenbauer sei doch arrogant und eingebildet, sagen sie, und dann diese Frauengeschichten! Ich glaube, es gibt auf dieser Welt keinen Menschen, bei dem die Meinung, die über ihn herrscht, dermaßen davon abhängt, ob ihn der-/diejenige, der/die sie äußert, kennengelernt hat oder nicht.
Ich habe Franz Beckenbauer kennengelernt und an ihm eine Eigenschaft immer bewundert: Er ist der netteste Mensch im Fußballgeschäft, den ich je kennengelernt habe. Er ist zu allen gleich, ob Bundeskanzlerin, Platzwart, Nobelpreisträger oder Fußgängerzonen-Oma. Er geht nie an jemandem vorbei, der etwas von ihm möchte. Alleine das ist schon eine Lebensleistung, wenn man Lichtgestalt ist. 
Warum wird er eigentlich Kaiser genannt? Kaiser lassen ihren Untertanen die Köpfe abschlagen. Beckenbauer hat in all den Jahren nicht einmal die Beherrschung verloren. Und wenn, dann immer nur ganz kurz. Ich rief ihn zum Beispiel mal am 2. Weihnachtsfeiertag auf seinem Handy an, weil ich ein Zitat für die Welt brauchte. Er herrschte mich an: Herrgottsack, ob er denn nie Ruhe haben könne! Ich entschuldigte mich. Und er: Schon recht. So, und was brauchen sie jetzt? 
Schatten auf der Lichtgestalt Schatten auf der Lichtgestalt
Einmal, bei der WM 2002, führte ich in Miyazaki/Japan zusammen mit dem Kollegen Carlo Wild vom Kicker ein Interview mit Beckenbauer. Danach gingen wir drei zusammen zum Aufzug. Ich musste ein paar Stockwerke vor den beiden raus, und später kam Carlo lachend zu mir und erzählte diese Geschichte: “Als du weg warst, dreht sich der Franz im Aufzug zu mir und sagt: ‘Netter Kerl, der Steudel.’ Dann hat er kurz nichts gesagt, und dann sagt er: 'Aber ein Schwob halt.’ Da haben wir beide gelacht.” Ich mag die Episode. Über Schwaben werden in der Regel bedeutend schlechtere Scherze gemacht.
Vielleicht habe ich Beckenbauer sogar ein paar Lebensjahre zu verdanken. 2001 war ich sein Gast bei einer Sponsorenveranstaltung auf dem Land. Wir waren vielleicht 30 Leute, darunter sehr wenige Journalisten. Es gab abends vorzügliches Essen. Und danach gab es Davidoff-Zigarren. (Ich fürchte, ich habe den geldwerten Vorteil nie versteuert.) Ich versuchte damals seit Jahren erfolglos, mir das Rauchen abzugewöhnen. Weil mir die Zigarren so gut schmeckten und der Abend so schön war und ich wenige Stunden vorher beim Torwandschießen gegen Beckenbauer ein Unentschieden rausgeholt hatte (wer kann das schon von sich behaupten?), machte ich einen mutigen Deal mit mir selbst: Du rauchst nie wieder eine Zigarette! Und wenn du gar nicht anders kannst, dann höchstens eine Zigarre. Ich habe seit 19 Jahren keine Zigarette mehr in die Hand genommen. Und eine Zigarre auch höchstens Mal alle paar Jahre …
"Die letzten Jahre waren schon hart" "Die letzten Jahre waren schon hart"
So ist das also, so verschleiern persönliche Erfahrungen und Sympathie den Blick aufs Wesentliche, denkt jetzt womöglich der eine oder die andere Leserin. Ja, das kann schon sein. Und ja, Franz Beckenbauer hat Fehler gemacht, ganz sicher.
Wer ihn nur ein bisschen kennt, weiß, dass seine öffentliche Demontage in den letzten Jahren viel schlimmer für ihn gewesen sein muss, als es eine Verurteilung vor Gericht gewesen wäre, die es nie gab. 
Und warum das alles? Der größte Fehler seines Lebens war der, zu glauben, man könne eine WM nach Deutschland lächeln. Er hat für diesen Fehler teuer bezahlt: mit seinem Ruf.
Er geht eben nie an jemandem vorbei, der was von ihm möchte.
Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag, Franz Beckenbauer.
Danke für alles. 
Heute im Fernsehen
20.45 Uhr, Sky: DFB-Pokal, erste Runde
Neue Gesetze für den Pokal Neue Gesetze für den Pokal
Pit Gottschalk
Nun tauchen @thomashelmer5 und der @SPORT1_Dopa sogar in einem Rap-Song auf. Und auch wenn es nicht so klingt: Hümla ist #Helmer-Fan. Glaube ich. #dopa https://t.co/QQ6GKwD1hw
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