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Bayer Leverkusen: Totgesagte leben länger

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Im Aufmacher geht's heute um Bayer Leverkusen, und wenn man etwas
 

Fever Pit’ch

3. Juni · Ausgabe #383 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Im Aufmacher geht’s heute um Bayer Leverkusen, und wenn man etwas länger über Bayer Leverkusen nachdenkt, kommt man irgendwann auf Unterhaching. Ja, die Spielvereinigung Unterhaching war mal in der ersten Liga und hat Bundesliga-Geschichte geschrieben. Inzwischen spielen die Hachinger in der 3. Liga und werden, wenn die Vorzeichen nicht täuschen, wieder an einem dramatischen Saisonfinale mitwirken. Zwischen Platz 1 (MSV Duisburg) und Platz 11 (Hansa Rostock) liegen zehn Spieltage vor Schluss lediglich fünf Punkte. Unterhaching ist jetzt Dritter - punktgleich mit Duisburg und Waldhof Mannheim. Leute, schaut auf diese Liga: Spannender kann Aufstiegskampf mit Geisterkulisse kaum sein.
Einen aufstrebenden Mittwoch wünscht
Euer Pit Gottschalk

Bayer Leverkusen: Totgesagte leben länger
Wieder gibt's was zu feiern
Wieder gibt's was zu feiern
Selten schlechter als Platz 5: Nicht schön, aber erfolgreich
Von Alex Steudel
Achtung, das ist eine Liebeserklärung. An Bayer Leverkusen. Den Klub, der am Samstag gegen den neuen und alten Deutschen Meister FC Bayern spielen wird. Der oft totgesagt wurde, aber nie starb. Der aus Plastik gebaut und zu Fleisch und Blut wurde.
Ich war nie Leverkusen-Reporter, und doch habe ich viele Erinnerungen an Bayer. Ich lernte dort den großartigen Reiner Calmund kennen. Und natürlich Rudi Völler. Ich habe viele Dramen miterlebt. Bei Bayer ist immer etwas losgewesen.
Vor allem war da der 20. Mai 2000. Ich verbinde Bayer Leverkusen seither mit dem aufregendsten Ereignis meiner Reporterkarriere. Dabei war die Mannschaft von Bayer Leverkusen nicht mal im Stadion.
Es ist der letzte Spieltag der Saison, vor 20 Jahren: Leverkusen ist mit drei Punkten Vorsprung Erster und braucht nur noch ein Remis in Unterhaching für den Titel. Es wäre die erste Meisterschaft für den Verein. Die ganze Woche schon herrscht helle Aufregung in Deutschland. Am Samstag fahren fast alle wichtigen Reporter in den Sportpark nach Haching, um sich das anzusehen. Ich, damals Redakteur bei der Welt in Berlin, sage den Kollegen: “Ich fahr’ mal lieber zu den Bayern.” Die empfangen Bremen. Das Spiel der Tränen wahrscheinlich, aber irgendwie traue ich dem Braten nicht.
Beste Entscheidung meines Reporterlebens.
An dem Tag geschehen Dinge, die ich nie vergessen werde.
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Es herrscht eine seltsame Stimmung. 63000 Menschen sind ins Olympiastadion gekommen, um Bayern gegen Bremen zu sehen und an Unterhaching gegen Leverkusen zu denken. Also auf den unwahrscheinlichen Ausrutscher zu hoffen. Und so kommt es tatsächlich.
Ich erinnere mich genau an den Lärm, der im Olympiastadion entsteht, als Haching in Haching durch ein Eigentor von Michael Ballack in Führung geht. Es ist in dem Moment im Olympiastadion lauter als bei fast allen Toren, die dort bis zu diesem Tag gefallen sind.
Zuvor sind unten am Spielfeldrand die Kollegen vom TV-Sender Premiere aufgesprungen. Sie haben das 1:0 in Haching auf ihren Monitoren gesehen, aber das weiß ja noch niemand. Alle im Stadion sehen nur diese kleine Jubelgruppe und wissen: Irgendwas ist passiert.
Wellenartig verbreitet sich diese Aufregung im Stadion, es wird immer lauter. Dann kommt der Gong und die übliche Ankündigung auf der Anzeigetafel, die auf Treffer in anderen Stadien hinweist. “Tor!” Die Aufregung steigert sich ins Unermessliche: also noch mehr Krach. Dann der Spielstand.
SpVgg Unterhaching - Bayer Leverkusen 1:0.
Explosion. Ich kriege schon beim Tippen Gänsehaut.
Bayern gewann gegen Bremen, aber keinen hat der Spielstand interessiert. Denn Haching besiegte Leverkusen 2:0, und das war’s. Als in der 72. Minute der zweite Treffer fiel, passierte im Olympiastadion dasselbe wie beim 1:0, nur viermal lauter. Stefan Effenberg ging, wenn ich mich recht erinnere, in die Knie und machte die Becker-Faust, während das Spiel noch lief.
Ich habe selten so viel Spektakel gehört wie an diesem Tag. Beim 1:0 gegen Polen vielleicht noch, WM 2006. Es ist dieser ganz besondere Jubel, der nicht abebbt.
Als Leverkusen die Meisterschaft verspielt
Ballack macht Leverkusen mit einem Eigentor zu Vizekusen
Natürlich hat mir Leverkusen damals leidgetan. Ich konnte nicht ahnen, dass Leidtun in die DNA des Klubs übergehen sollte. Bayer wurde nie Meister, bis heute nicht. Und verlor dann, im Mai 2002, sogar Pokalendspiel (gegen Schalke), Champions-League-Finale (gegen Real Madrid) und wurde in der Bundesliga – klar: Zweiter. Der Name Vizekusen wurde geboren.
Ich erinnere mich an eine Überschrift, die ich damals machte, weil auch noch Ballack und Zé Roberto den Klub Richtung Bayern verließen und die Möglichkeit, Meister zu werden, in weite Ferne rückte: “Ende keiner Ära”.
Dieser Klub hat so viel durchgemacht. So viel Spott. So viel Drama. Auf und neben dem Platz: Denken wir nur an die wahnsinnige Kokainaffäre um Trainer Christoph Daum, der in die USA flüchtete und nicht Bundestrainer wurde.
Es ist ein Wunder, dass Leverkusen an alldem nicht zugrunde gegangen ist. Der Totgesagte lebt länger. Und dafür liebe ich den Klub. Mundabputzen, ein Aspirin einwerfen und weitermachen – das war immer das Credo der Leverkusener, die ja früher als Plastikklub bezeichnet und angefeindet wurden wie heute Hoffenheim oder Leipzig, weil die Bayer-AG einen nicht endenden Geldstrom hineinfließen lässt.
Aber Geld ist eben keine Erfolgsgarantie. Siehe Dortmund, das Anfang des Jahrtausends vor lauter Geld fast pleiteging. Nein, die Manager Calmund und dann Völler haben Bayer mit geschickten Entscheidungen oben gehalten. Trotz der vielen Nackenschläge, die sonst für eine ganze Liga gereicht hätten.
Und so empfängt am Samstag nicht das peinliche Vizekusen den FC Bayern, sondern ein stolzer Verein, der alle Krisen gemeistert hat: Bayer Leverkusen. Der Klub, der am Ende der letzten zwei Spielzeiten immerhin Fünfter und Vierter war und jetzt Fünfter ist. Der seit 1979, also seit 41 Jahren, verlässlich Erste Bundesliga spielt. Zwar nie ganz oben, aber fast immer oben – zuletzt seit 2010 nur einmal schlechter als Platz 5.
Wenn das keine großartige Leistung ist.
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