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Das Beben in Berlin: Was Klinsmann macht, hat System

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Diese Woche saß ich zufällig mit DFB-Präsident Fritz Keller und d
 

Fever Pit’ch

31. Januar · Ausgabe #332 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Diese Woche saß ich zufällig mit DFB-Präsident Fritz Keller und dessen Vize Rainer Koch im selben Flugzeug. Nach der Ankunft am Wiener Flughafen kamen wir ins Plaudern. “Der Koch hat mich belogen”, scherzte Keller laut lachend. “Zwei Tage Arbeit hätte ich als DFB-Präsident in der Woche, hat er gesagt. Jetzt wäre ich froh, wenn ich mal zwei Tage im selben Bett schlafen könnte. Ich bin nur unterwegs.” Von Wien ging es weiter nach Bratislava.
Am Donnerstag saß Keller schon wieder in Düsseldorf auf einem Podium. Großes Getöse um seine Person macht er nicht. Seine Vorschläge zur Nationalmannschaft trägt er ruhig und vertrauenserweckend vor, bescheiden halt. “Fußball ist für jedermann”, appellierte er und stellte vergünstigte Länderspieltickets und frühere Anstoßzeiten in Aussicht. Fußball für jedermann - man nimmt diesem Mann ab, was er sagt.
Ein bodenständiges Wochenende
Euer Pit Gottschalk

Das Beben in Berlin: Was Klinsmann macht, hat System
Lacht da jemand bei Hertha BSC?
Lacht da jemand bei Hertha BSC?
Immer mehr Unzufriedene bei Hertha BSC
Jürgen Klinsmann macht gerade mit Hertha BSC, was er in Deutschland einst mit Bayern München und mit dem Deutschen Fußball-Bund gemacht hat: Er nimmt den ganzen Laden, das waren damals vor Amtsantritt beim DFB seine eigenen Worte, auseinander. In Berlin vergeht kein Tag ohne neue Idee, außergewöhnliche Maßnahme und ohne neue Personalie schon gar nicht. Klinsmann-Kenner wissen: Das ist eben seine Art. Er reißt ein, baut neu auf, und Kollateralschaden lächelt er weg. Am besten live auf Facebook.
Der Schwabe fährt einen heißen Reifen, und deshalb stinkt’s manchen auch, um im Bild zu bleiben. Erste Spieler, etwa Salomon Kalou, Niklas Stark oder Arne Maier, die sich unfreundlich an den Rand gedrängt fühlen, begehren auf, und das führt zur Spaltung des Klubs. Denn unter Klinsmann kommen sämtliche Hertha-Konzepte, wenn es denn vorher welche gab, nicht auf den Prüfstand, sondern in den Schredder.
Keine Frage: Bei Hertha entsteht gerade etwas, das es dort noch nie gab. Die Frage ist nur, ob es etwas Großes wird.
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Erinnern wir uns: Ja, beim DFB hat Klinsmann als Bundestrainer eine neue Ära des deutschen Fußballs eingeleitet. Er hinterfragte alles, was bewährt schien, und ohne Rücksicht auf Verluste setzte er seinen Willen durch. Er wurde ausgelacht und sogar von den großen Bayern angefeindet, aber er behielt am Ende recht: Klinsmann hatte zwar nicht den erhofften sportlichen Erfolg (Platz drei bei der Heim-WM 2006 statt Titelgewinn), aber er hat nach 2004 den Fußball bis in die Bundesliga hinein revolutioniert.
Und nein, beim FC Bayern hat er damit nichts erreicht. Im Gegenteil. Am Ende herrschte dort nicht Jeder gegen Jeden, sondern Jeder gegen Klinsmann. Es mangelte an Fortschritt, an Erfolg, an Idee.
Klinsmann verhob sich am Rekordmeister, seine kurze Zeit dort war ein einziger Reinfall, er musste nach nicht mal einem Jahr seine Koffer packen und wurde im April 2009 ausgerechnet von einem Trainer der ganz alten Garde, von Jupp Heynckes, ersetzt.
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Hertha geht ins Risiko – und erhöht den Druck
Jetzt ist Klinsi in Berlin, wo er freie Hand hat, wo er nach Belieben Spieler holen und aufs Abstellgleis stellen kann, weil die dafür benötigten Millionen dank Supersponsor plötzlich im Überfluss vorhanden sind. Klinsmann will die Hertha jeden Tag ein bisschen besser machen und zu einen Weltklub formen. Das ist mutig und gut. Auch wenn andere im Klub, zum Beispiel der arme Sportchef Michael Preetz, dabei zuweilen wirken, als seien sie nur noch mit offenem Mund dasitzende Zuschauer der Klinsmann-Show.
Viele fürchten: Hertha wird unter dem früheren Weltklasse-Stürmer entweder weltberühmt oder untergehen. So dramatisch ist es nicht. Der Anfang holpert zwar, aber die sportlichen Erfolge sind bisher da: Die abstiegsbedrohte Hertha hat unter Klinsmann vor dem Heimspiel gegen Schalke heute aus sieben Begegnungen elf Punkte geholt.
Die große Frage, die sich stellt und die die nächsten Wochen beantworten müssen, ist dennoch sehr spannend: Erleben wir bei Hertha eine Revolution à la DFB – oder doch nur eine à la FC Bayern?
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Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
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Friedhelm Funkel und Ottmar Hitzfeld
Von Alex Steudel
Ich habe vor sehr langer Zeit Heribert Bruchhagen und Friedhelm Funkel zu einem längeren Mittagessen getroffen. Diese Info hebt die Fußballwelt nicht aus den Angeln, aber für mich waren es bemerkenswerte Stunden. Die beiden arbeiteten damals für Eintracht Frankfurt. Vorstandschef Bruchhagen sagte mir beim Hauptgang, dass die Eintracht ein Mittelklasseklub sei und es unter ihm auch bleiben werde. 
Okay, dachte ich. 
Beim Kaffee überraschte mich auch Trainer Funkel. Er beugte sich zu mir herüber und erklärte mir, dass er in seiner ganzen Karriere noch nie ohne Vertrag gewesen sei. Er wirkte dabei stolz wie in Kind, das mir sein neues Spielzeugauto zeigt.
Ich war erstaunt und schätze Funkel seither für diese Offenheit. Statt damit anzugeben, wo überall er als Spieler und dann als Trainer schon war und was er alles erreicht hat, öffnete er einem Fremden ein kleines Türchen und ließ ihn kurz in sich hineinschauen. Nicht jeder im Fußballgeschäft hätte im Kennenlerngespräch mit einem Journalisten (ich war damals Chef von Sport-Bild) gleich mal eingeräumt, wie wichtig es ihm sei, nicht auf dem Abstellgleis zu stehen, nicht bemitleidet zu werden. Funkels größter Antrieb, dachte ich, ist die Angst davor, keinen Job zu haben.
Funkel wirft Fortuna-Vorstand Lügen vor
Wir saßen damals in einer Lounge am Frankfurter Flughafen, und ich erinnerte mich an ein Gespräch mit Ottmar Hitzfeld. Der hatte mir Jahre zuvor verraten, dass er ständig in der Angst lebe, entlassen zu werden, dass diese Blamage jeden Tag wie ein Damoklesschwert über ihm schwebe. Und das erstaunte mich, Hitzfeld war damals schon eine Art Jahrhunderttrainer. Also unantastbar.
Als Klubchef Karl-Heinz Rummenigge den früheren Lehrer dann doch antastete (“Fußball ist keine Mathematik”) und damit dessen Ende beim FC Bayern einleitete, musste ich gleich an unser Gespräch denken. Ich ahnte, was gerade in Hitzfeld vorging: Das Konto des Mannes quoll über vor Geld, die Tür seines Pokalschranks ging schon nicht mehr zu – aber er litt jetzt wie ein Hund, weil er gehen musste. Ich bin sicher, Hitzfeld hätte in diesem Moment einen Meistertitel dafür hergegeben, um diese Demütigung ungeschehen zu machen. 
Funkel, der diese Woche im Alter von 66 Jahren seine Karriere beendet hat,  und Hitzfeld sind sich auf eine bestimmte Art sehr ähnlich gewesen. Trotz ihrer völlig unterschiedlichen Karrieren. Hitzfeld hat ja quasi alles gewonnen: unzählige Meisterschaften in Deutschland und der Schweiz, zweimal die Champions League, DFB-Pokale, Weltpokal, er war Trainer bei einer WM und zweimal Welttrainer des Jahres.
Funkel Soul Brother
Funkel arbeitete fast 29 Jahre als Trainer, stand 900-mal an der Seitenlinie (knapp weniger als Hitzfeld), und der einzige Titel, den er gewonnen hat, ist nicht mal ein richtiger: Er war Zweitligameister 2018. Und doch hat Funkel eine ganz fabelhafte und einmalige Karriere hingelegt; alle im Fußballgeschäft achten ihn dafür.
Wenn es eine Champions League der Mittelklasse gäbe, Funkel wäre ihr Ottmar Hitzfeld. 
Als ich gestern neue Details zu Funkels Entlassung in Düsseldorf las, schüttelte ich die ganze Zeit den Kopf und dachte: Wie traurig, dass es auf den letzten Metern oft so peinlich wird. Dass den Menschen unter Druck manchmal das Gespür für die Besonderheit des Augenblicks ganz abhanden kommt.
"Eine unglaublich geile Zeit"
Wenn ich bei Fortuna Düsseldorf etwas zu sagen gehabt hätte diese Woche, dann wäre es das gewesen: Leute, auch wenn wir uns jetzt von ihm trennen wollen – dieser Mann hat eine lange Reise hinter sich. Er hinterlässt ein Lebenswerk. Und wir sind seine letzte Station. Lasst es uns also gut machen. 
Stattdessen haben sie es, Verzeihung: Scheiße gemacht. Die Fortuna-Bosse, die keiner kennt, haben Funkel, eine Legende des deutschen Fußballs, vom Hof gejagt wie einen Straßenköter. Dafür gibt es keine Entschuldigung.
Alle mal herschauen!
"Du wirst nicht mehr gebraucht" "Du wirst nicht mehr gebraucht"
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