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Der vielleicht letzte Volksheld des deutschen Fußballs

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Als gestern Nachmittag die Nachricht von Bastian Schweinsteigers
 

Fever Pit’ch

9. Oktober · Ausgabe #254 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Als gestern Nachmittag die Nachricht von Bastian Schweinsteigers Rücktritt bekannt wurde, war mein erster Gedanke: Wer soll jemals seinen Platz als Volksheld einnehmen? Den Begriff bitte nicht falsch verstehen. Ich meine damit einen Fußballertyp, der die Fans mitfühlen, mitleiden und mitjubeln lässt, unverstellt und nahbar. Spontan fiel mir keiner aus der aktuellen Nationalelf ein. Aber das muss wirklich nichts bedeuten.
Volkshelden im positiven Sinne entstehen nicht über Nacht, sondern wachsen mit ihren Erfolgen und Misserfolgen, Fehltritten und großen Taten. Als Bastian Schweinsteiger vor 17 Jahren die Bühne des Profifußballs betrat, war nicht sicher, ob ihm der Durchbruch gelingt. Er hatte eine Menge Flausen im Kopf, musste sich durch die strenge Hierarchie des FC Bayern kämpfen und erlebte Tiefschläge wie das frühe EM-Aus 2004 in Portugal.
Auch in der Generation von heute finden sich Spieler, die das Zeug haben, eine Legende zu werden. Durchschnittlich wird Deutschland alle 20 Jahre Weltmeister. Der nächste WM-Titel wäre also 2034 fällig. Damit bleiben noch 15 Jahre, bis einer aus dem bestehenden Kader in die Reihe von Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus und Philipp Lahm eintreten kann. Theoretisch könnte der Auserwählte noch in der D-Jugend spielen.
Wenn die deutsche Nationalmannschaft also heute bei ihrem Testspiel gegen Argentinien in Notbesetzung antritt, ist das für die Zuschauer im Signal-Iduna-Park in Dortmund einerseits ärgerlich, weil sie natürlich die besten Spieler sehen wollen. Andererseits wohnt dem Spiel auch die Chance inne, dass in einem Spiel ohne Leitwolf neue Charaktere zum Vorschein kommen. Deutschland spielt erstmals ohne einen Weltmeister von 2014.
Einen meisterhaften Mittwoch wünscht
Euer Pit Gottschalk

Der vielleicht letzte Volksheld des deutschen Fußballs
"Persönlichkeit, die der deutsche Fußball nicht oft erlebt hat" "Persönlichkeit, die der deutsche Fußball nicht oft erlebt hat"
Von Pit Gottschalk
Die Statusmeldung über sein Verhältnis zu den Mannschaftskollegen beim FC Bayern bekam Bastian Schweinsteiger an jenem Mittwoch vor zehn Jahren schriftlich. Sport-Bild hatte, natürlich unerlaubt, am Morgen seinen kompletten Arbeitsvertrag mitsamt Gehalt und Sonderklauseln abgedruckt. Die Enthüllung ließen sich die Mitspieler nicht bieten. 
Jeder einzelne unterschrieb einen gemeinsamen Boykott-Aufruf gegen das Magazin. Keiner sollte und wollte Sport-Bild ein Interview mehr geben. Schweinsteiger spürte alle Solidarität im Verein, die Botschaft klang unmissverständlich: Nicht mit mir, Leute! Was den Vorfall so besonders macht: Er brauchte keinen Anwalt, um seiner Wut Luft zu verschaffen.
Brauchte er nie. Er war dafür immer Manns genug. Derselbe Reporter hat ihm das Etikett “Chefchen” angeheftet und geschrieben: “Mal Weltstar, mal Buhmann: Der Bayern-Profi bricht unter dem Druck der Erwartungen stets ein.” Vor Mikrofonen lederte Schweinsteiger zurück und nannte ihn “Pisser” und “Arschloch”. Danach war die Sache ausgestanden.
Symbolfigur einer ganzen Generation Symbolfigur einer ganzen Generation
Als er am Dienstagnachmittag seine Profilaufbahn beendete, tat er das ebenfalls so direkt und unvermittelt, wie man ihn 17 Jahre lang auf Fußball- und Nebenkriegsschauplätzen erlebt hatte. “Liebe Fans, nun ist die Zeit gekommen”, schrieb Schweinsteiger auf Instagram, ohne billige PR, “ich werde meine aktive Karriere zum Ende dieser Saison beenden.”
Der vermutlich letzte Volksheld des deutschen Fußballs sagt mit 35 Jahren “Servus”. Überraschend kommt der Rücktritt nicht. Bei seinem letzten Klub Chicago Fire hat er sich vergeblich durch die Saison gequält. Inzwischen ist sein zweiter Sohn auf der Welt. Da verschieben sich die Prioritäten. Was könnte ihm der Fußball denn Besseres bieten?
Der letzte Triumph einer übervollen Karriere Der letzte Triumph einer übervollen Karriere
Er hat ja alles erlebt. Weltmeister ist er, Champions-League-Sieger, achtmal Deutscher Meister und siebenmal Pokalsieger, Europa-League-Gewinner und Klubweltmeister. Die Journalisten haben ihn früher zum Fußballer des Jahres gewählt als Philipp Lahm oder Toni Kroos, nämlich 2013, noch bevor Brasilien den WM-Titel bescherte.
Der Zeitpunkt war deshalb ungewöhnlich, weil Schweinsteiger sein persönlich schwierigstes Jahr hinter sich hatte. Im “Finale dahoam” 2012, beim Champions-League-Finale in der eigenen Allianz-Arena, lag der Ball beim Elfmeterschießen gegen Chelsea zum Siegtreffer bereit. Er setzte den Schuss an den rechten Pfosten. Eine Hasswelle brach über ihn herein.
Bastian Schweinsteiger blutend im WM-Finale 2014. Foto: Imago / Aflosport
"Einer der größten Spieler, die Deutschland hatte"
Plötzlich war er nicht mehr der Lausbub, der mit Felix Neureuther Skiprofi werden wollte, mit Lukas Podolski bei der Heim-WM 2006 Schabernack trieb oder seinen nächtlichen Besuch im Whirlpool des Trainingsgeländes mit den Worten entschuldigte, die junge Dame an seiner Seite sei, so wörtlich, “seine Cousine”. (Das Wachpersonal lachte sich damals schlapp.)
Bei enttäuschten Erwartungen kippt die Gefühlslage bei jenen, die zehn Jahre lang “Schweini” liebten, plötzlich ins Gegenteil. “Mehr Tragik geht nicht”, schrieb der Stern. “Nun versagten ihm die Nerven. Der Final-Fluch hält an.” Sollte wohl heißen: Schweinsteiger, der Versager. Nicht wenige Fußballer zerbrechen an solchen Krisen. Er nicht.
Bastian Schweinsteiger in der MLS in Chicago. Foto: Imago / Icon SMI
Vom Basti zum Gott
Wenn man also Ursachen für seine Popularität sucht, wird man sie vermutlich in seiner Boxer-Mentalität finden, beherzt aufzustehen, wenn man auf dem Boden liegt. Unter Jupp Heynckes schwang sich Schweinsteiger zum Dreh- und Angelpunkt einer Mannschaft auf, die das erste Triple der Vereinsgeschichte holte - Meisterschaft, Pokalsieg, Europapokal.
Mehr noch: Ein weiteres Jahr später, im WM-Finale von Rio de Janeiro, schickten ihn die brutalen Argentinier mehrfach mit Attacken zu Boden. Das Schweinsteiger-Foto mit der klaffenden Blutwunde im Gesicht wurde zum Sinnbild seiner Opferbereitschaft: Immer und immer wieder erhob er sich vom Rasen, keine Auswechslung, und hielt das 1:0 aufrecht.
Bundeskanzlerin Angela Merkel sendet Abschiedsgrüße Bundeskanzlerin Angela Merkel sendet Abschiedsgrüße
So ein Spiel, geschaffen für die Ewigkeit, bleibt im kollektiven Gedächtnis einer Fußballnation tiefer verhaftet als die 45 Toren in den 342 Bundesliga-Spielen beim FC Bayern oder das kurze wie unrühmliche Gastspiel bei Manchester United. Eine ganze Generation sah wie in einer Truman-Show aufwachsen. Aber: Die Story endet gut.
Den Dreierschlag mit dem FC Bayern plus WM-Sieg mit der Nationalmannschaft hatte nicht mal Franz Beckenbauer in seinen besten Zeiten hingekriegt. Zugegeben, Schweinsteiger war nicht der einzige Bayern-Profi, der daran beteiligt war. Aber genau darum geht’s: Kein anderer ließ das Publikum so dicht an seiner Gefühlswelt teilhaben wie er, der Volksheld.
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The Reus of Germany The Reus of Germany
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Hertha BSC eint die Berliner: Keiner will hin
Von Alex Steudel
Berlin war für mich schon immer die Stadt, die sich nicht entscheiden kann. Es liegt wahrscheinlich daran, dass sie über 40 Jahre lang sowohl West als auch Ost sein wollte, sowas kriegt man eben nicht mehr raus aus den Köpfen. Heute kann sich Berlin ja nicht mal durchringen, einen Flughafen fertigzukriegen. Und dann ist ständig ein anderes Stadtviertel total angesagt. Die Einheimischen sind obendrein entweder sehr freundlich oder unfassbar patzig, die einen lieben Currywurst und die anderen Döner, und im Sommer will Berlin schön aber im Winter hässlich sein; ich glaube, ich könnte stundenlang weiterschreiben, es ist ein ewiges, nervenzerfetzendes Hin und Her mit Berlin. Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe da gelebt.
Zum Glück gibt es eine Sache, in der sind sich die Berliner einig: Sie gehen nicht zur Hertha.
Neue Fankampagne: "Wir sind ein  Berliner" Neue Fankampagne: "Wir sind ein Berliner"
Unsere Hauptstadt hat 3,65 Millionen Einwohner, aber das Olympiastadion ist maximal zweimal pro Jahr ausverkauft. Seit Jahren wackelt der Zuschauerschnitt von Hertha BSC deshalb zwischen 40.000 und 50.000 herum, dabei passen 75.000 Menschen in die Arena. Diese Saison kamen bisher im Schnitt nur 41.151 Zuschauer. Das muss man sich mal vorstellen: 41.151! Es bedeutet nämlich im Umkehrschluss, dass jedes zweite Wochenende über 3,6 Millionen Berliner nicht zur Hertha gehen. 
Was ist bloß los mit dieser Stadt?
Als ich für diese Kolumne Zuschauerstatistiken wälzte, fiel mir außerdem auf, dass seit dem Aufstieg der Hertha 2013 nur noch Heimspiele gegen BVB und Bayern ausverkauft waren (und das auch nicht immer), was für mich noch einen weiteren Schluss zulässt: Die eine Hälfte der Berliner ist Bayern-Fan, die andere Hälfte Dortmund-Fan.
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Dass niemand ins Stadion kommt, wenn ein Klub mies spielt, verstehe ich ja noch. Doch zuletzt kickte die Mannschaft von Trainer Ante Covic ganz gut: Hertha hat drei Bundesliga-Spiele hintereinander gewonnen und ist auf Platz zehn geklettert. Gegen Düsseldorf kamen vergangenen Freitag aber nur jämmerliche 37.128 Zuschauer. Die Lustlosigkeit der Berliner ist also vollkommen leistungsunabhängig.
Hertha-Manager Michael Preetz hat das Desinteresse Anfang des Jahres noch damit erklärt, dass das Olympiastadion einfach “zu groß” ist für Hertha, und das stimmt zumindest in einer Hinsicht: Wegen der Laufbahn müsstest du eigentlich ein Teleskop zum Spiel mitnehmen, um was zu sehen. Trotzdem ergibt das für mich im Herbst 2019 keinen Sinn angesichts der dreistelligen Millionensumme, die Neu-Investor Lars Windhorst in den Klub schaufelt. Irgendwann soll nämlich Berlin, so der Plan, wieder in der Champions League spielen. Da kann ein großes Stadion nicht schaden.
Aber vielleicht stellt sich auf dem neuen Weg in die Zukunft ja auch irgendwann heraus, dass nicht das Stadion zu groß für Hertha, sondern Hertha zu klein für das Stadion ist.
Alle mal herschauen!
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