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Ein Verein am Abgrund: Wofür steht Schalke noch?

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Wenn sich bewahrheitet, was Bild gestern eine Stunde vor Mitterna
 

Fever Pit’ch

26. Oktober · Ausgabe #444 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Wenn sich bewahrheitet, was Bild gestern eine Stunde vor Mitternacht rausgehauen hat, dann ist die Bundesliga in zwei Jahren ihren größten Macher los. Christian Seifert, Präsidiumssprecher der Deutschen Fußball-Liga (DFL), möchte seinen Vertrag 2022 angeblich nicht mehr verlängern. Sein Abschied wäre aus verschiedenen Gründen ein Verlust.
Seifert hat nicht nur die Medienerlöse von 400 Mio. Euro auf über eine Milliarde pro Jahr hochgejazzt. In der von vielen Skandalen erschütterten Führungsetage des deutschen Spitzenfußballs, siehe DFB, war er die letzte Konstante für seriöses Denken und Wirtschaften: ein Profi, der sogar die Politik von der Fortsetzung des Spielbetriebs in der Coronakrise überzeugte.
Der Zeitpunkt, dass sein geplanter Abschied nach 17 Jahren DFL ausgerechnet jetzt bekannt wird, erscheint bei näherem Hinsehen weniger überraschend. Die jüngste Ausschreibung der Medienrechte hat erstmals keine Steigerung der Erlöse ergeben, was man als erstes Signal werten kann, dass die Bundesliga die Grenzen ihres Wachstums erreicht hat.
Tatsächlich zwingt die Coronakrise die Branche zu einer Demut, die keinen ambitionierten Manager Fantasie entfalten lässt. Wenn gleichzeitig das Mutterhaus DFB ständig einem Beben ausgesetzt ist und zu viele Laien ein Wörtchen beim Krisenmanagement mitreden wollen, ist es wohl ratsamer, auf dem eigenen Zenit eine neue Herausforderung anzunehmen.
Bei einem Trainer könnte man bei ähnlicher Informationslage auf den Gedanken kommen, dass da jemand um Wertschätzung und Vertrag feilscht. In diesem Verdacht steht Seifert nicht. Die offizielle Bestätigung für den Seifert-Abgang steht zwar noch aus. Aber die Autorenschaft beim Bild-Artikel legt nahe, dass die kolportierte Nachricht ein festes Fundament hat.
Der Nachfolger tritt in große Fußstapfen. Als Christian Seifert vor fast zwei Jahrzehnten den DFL-Job antrat, mussten ihn Kollegen erst noch bei den Verantwortlichen in der Bundesliga- und Medienszene persönlich vorstellen. In der komplexen Fußballwelt von heute kann man sich keine Aufwärmrunde mehr leisten. Anders als beim DFB muss die erste Wahl sofort sitzen.
So steht mit der Personalie Seifert jetzt mehr auf dem Spiel als nur die Besetzung einer Spitzenposition: Es geht derjenige, der mit seinem messerscharfen Verstand und mit überzeugender Rhetorik wie kein zweiter Funktionär kleine und große Vereine auf eine gemeinsame Linie bringen konnte. Geknirscht hat es immer. Aber nie zu seinen Lasten.
Fast ist man ja geneigt zu sagen, dass der weltweit größte Sportverband DFB einen wie Christian Seifert an der Spitze bräuchte. Aber warum sollte er sich das antun? Eher führt sein Weg an die Spitze eines Dax-Konzerns oder eines international agierenden Medienkonzerns. Die Bundesliga selbst wird ihn noch mehr zu schätzen wissen, wenn er nicht mehr an Bord ist.
Einen leergefegten Montag wünscht
Euer Pit Gottschalk

Auf Schalke
Auf Schalke
Sascha Riether stellt Qualität der Spieler beim FC Schalke infrage
Das Prinzip Schalke ist tot
Von Alex Steudel
Ich habe beim Tippspiel die volle Punktzahl fürs Revierderby gekriegt, weil ich Dortmunds 3:0 vorausgesagt habe. Das war kein Glück. Ich bin zwar ein miserabler Tipper, aber an diesem klaren Ergebnis hatte ich keine Sekunde gezweifelt. Schalke ist halt einfach nicht mehr Schalke.
Statistisch gesehen ist der Klub an einem Tiefpunkt angelangt: Vorletzter der Tabelle, 21 Spiele ohne Sieg, schlechteste Tordifferenz aller Zeiten nach fünf Spieltagen (2:19). Das hat nicht mal der Traditionskollege HSV hingekriegt.
Was mich ganz besonders beschäftigt, hat aber mit Serien und Toren nichts zu tun: Das Prinzip Schalke ist tot.
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Schalke 04 war für mich früher: Ärmel hoch. Freundliche Ruppigkeit. Geradeaus statt Schnörkel. Der Schalker Fan ist für mich Malocher. Er hat das Herz am rechten Fleck. Und wenn der Nagel mit dem Hammer nicht in die Wand will: Hau ich ihn eben mit der Hand rein. Ruhrpott.
Das Schalke 2020 hat mit dem Ruhrpott, wie ich ihn kenne, so viel zu tun wie Thomas Müller mit einem Hipster.
Ja, klar, S04 ist weltoffen, und weltoffen ist sehr gut. Aber was bringt es, wenn die Welt so offen ist, dass kein Schalker mehr reinpasst?
Irgendwo auf dem langen Weg von Manager Rudi Assauer zu Oktober 2020 ist die Identität des Klubs jedenfalls flöten gegangen. Bei der Vergabe der Posten scheint irgendwer peinlich genau darauf geachtet zu haben, dass niemand aus der Gegend kommt: ein Schwabe ist Sportdirektor (Jochen Schneider), Trainer Manuel Baum kommt aus Landshut. Der “Leiter Performance Lizenzspieler”? Bayer. Der Technische Direktor? Kommt aus der Nähe von Köln. Und ein Badener ist Koordinator der Lizenzspielerabteilung.
Nicht falsch verstehen, sicher alles Top-Leute.
Aber ist das noch Schalke?
Marcel Reif über die BVB-Torhüter
Didi Hamann über den BVB-Kapitän
Was die Mannschaft angeht, sieht es nicht anders aus. Die Startelf gegen Dortmund liest sich wie ein Best of Diercke-Weltatlas. Am Samstag liefen auf: ein Serbe, ein Däne, ein Senegalese, ein Finne, ein Spanier, ein Algerier, ein Marokkaner, ein Waliser, ein Portugiese, ein Hamburger, ein Bergisch-Gladbacher.
Identifikation mit Schalke? Naja. Kein Freund, kein alter Mitschüler, kein Verwandter wohnt bei so einer Zusammensetzung in der Nähe, der dir als Spieler ein 0:3 im Derby so richtig übel nimmt, oder vor dem du dich so richtig schämen musst. Und glaubt wirklich jemand, dass ein Hamburger oder Waliser sich in der größten Not genau so reinhaut wie ein Spieler, der Schalke schon in seiner Kindheit eingeatmet hat?
Das ist kein Vorwurf, das ist menschlich. Ich glaube, Identität ist der Kitt, der einen Klub in der Not zusammenhält. Warum standen viele Fans des VfB Stuttgart auch in den schlimmsten Stunden zu ihrem Klub? Weil da wenigstens ein paar Spieler rumliefen, die schwäbelten.
Und wofür steht S04 heute?
Wenn das so weitergeht, kann Schalke am Saisonende das 0:0 zur Pause in Dortmund als größten Saisonerfolg der jüngeren Vereinsgeschichte auf den Briefkopf setzen.
Was alles noch viel schlimmer machte: dieses verfluchte Corona. Ein Brandverstärker sozusagen. Wenn die Arena leer bleibt, sinkt die Identifikation endgültig auf Null. Schalke spielt, aber weit und breit kein Schalker zu sehen. Nicht mal auf der Tribüne.
Künstlicher geht’s nicht, und das könnte im Mai 2021 den Genickbruch für den Uefa-Cup-Sieger von 1997 bedeuten: Abstieg.
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