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Fingerspitzengefühl: Wie weit dürfen Schiedsrichter gehen?

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Was muss man in diesem Land leisten, damit das breite Publikum ei
 

Fever Pit’ch

3. Februar · Ausgabe #333 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Was muss man in diesem Land leisten, damit das breite Publikum eine prominente Person und deren Errungenschaft wertschätzt? Joachim Löw wurde als Trainer Weltmeister, führte die Nationalmannschaft bei fünf von sechs Turnieren mindestens ins Halbfinale und gewann obendrein den Confed-Cup. Trotzdem muss er sich in regelmäßigen Abständen anfeinden lassen und sich rechtfertigen. In Sozialen Netzwerken beschimpft man ihn, wenn’s glimpflich läuft, als “Nivea-Vertreter” und macht kein Geheimnis daraus, dass man seiner überdrüssig ist. Dem Bundestrainer geht’s da wie der Kanzlerin Angela Merkel: Anderthalb Jahrzehnte erfolgreicher Arbeit werden darauf reduziert, dass zwei, drei Dinge nicht gut funktioniert haben.
Noch ist nicht ganz geklärt, ob die seit Jahren schwelende Unzufriedenheit ihre Ursache allein in der Einzigartigkeit zu finden ist, die dem Amt des Bundestrainers im Land der 80 Millionen Bundestrainer innewohnt. Oder doch der Person Joachim “Jogi” Löw selbst. Seine Distanziertheit irritiert womöglich das gemeine Volk. Wo Jürgen Klopp mit nur einem einzigen Satz Herzen gewinnt, will Löw mit freundlichen Worten den Verstand erreichen. Manchmal sind die Erwartungen an Löw grotesk: Er soll seine Mannschaft verjüngen - aber wehe, er sortiert altgediente Spieler aus! Dann ist der Teufel los. Dann spüren er und mit ihm sein Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff die Wechselstimmung im Land. Alte Erfolge zählen in diesen Momenten nicht.
Und auch nicht, dass die Bundesliga ihm keine Wunderkinder mehr serviert, sondern Norweger (Haaland), Engländer (Sancho) und Kanadier (Davies) abfeiert. Der Bundestrainer kann nur mit dem Kader arbeiten, den ihm der deutsche Profifußball zur Verfügung stellt, und muss bei der Auswahl der besten Spieler über die Tagesaktualität hinaus denken. Die Zweifel wären angebracht und wohl berechtigt, wenn Löw nicht längst bewiesen hätte, dass er seinen Job beherrscht. Aber damit sind wir wieder beim ersten Satz dieses Kommentars: Was muss Löw für ein bisschen mehr Vertrauensvorschuss in Deutschland noch tun? Er wird heute 60 Jahre alt. Seine am meisten unterschätzte Leistung besteht darin, dass er sich nicht zermürben lässt.
Es sind ja nicht nur die zählbaren Erfolge, die ihn zum vielleicht erfolgreichsten Trainer in der 120 Jahre alten DFB-Geschichte erheben. Den deutschen Fußball hat Löw aus der Rumpelzeit in die Moderne geführt, mit höchstem Risiko Generationswechsel betrieben und Lernkurven beschritten, internationalen Respekt verdient und Kicker made in Germany - von Toni Kroos über Semi Khedira bis Mesut Özil - zum Exportschlager aufgebaut. Das alles hätte nicht jeder Trainertyp geschafft. Oder wo ist der Mann, der als Bundestrainer besser zwischen der Geltungssucht von Spielern, dem Eigeninteresse von Klubs und den Anforderungen am diplomatischen Dienst eines Fachverbandes navigieren kann. Ich kenne keinen.
Darum ausdrücklich: Alles Gute zum Geburtstag, Herr Löw!
Einen gepriesenen Montag wünscht
Euer Pit Gottschalk

Fingerspitzengefühl: Was dürfen Schiedsrichter noch?
Schiedsrichter Stieler schickt Plea vom Platz. Foto: Imago / Opokupix
Schiedsrichter Stieler schickt Plea vom Platz. Foto: Imago / Opokupix
Von Alex Steudel
Das Wort der Stunde im deutschen Fußball lautet: Fingerspitzengefühl. Ich höre es überall. Auslöser ist das Chaos, das die neuen Regelauslegungen ausgelöst haben, die in etwa so lauten: Schiedsrichter dürfen alles verwarnen, was nicht Schach spielt. Viele befürchten deshalb, dass der Fußball vor die Hunde geht und wir bald auf leeren Plätzen spielen, wenn die Unparteiischen jetzt kein – genau: Fingerspitzengefühl beweisen.
Schon breitet sich das Wort in Windeseile im Stammvokabular von Fans, TV-Experten, Spielern oder Trainern aus. Schiedsrichter und Fingerspitzengefühl werden bereits genauso in einem Atemzug genannt wie Manni Kaltz und Bananenflanke, wie Jürgen Klopp und Vollgasfußball oder wie HSV und Gehtbestimmtwiederschief.
Mir ist die Sache mit dem Fingerspitzengefühl suspekt. Es fängt ja schon damit an, dass die meisten Menschen, die momentan dieses Fingerspitzengefühl einfordern, sich beim Fordern wahnsinnig aufregen. Dieser Widerspruch macht sie für mich so glaubwürdig wie ein Innenverteidiger mit zwei offenen Schnürsenkeln.
Max Eberl wie Hoeneß: Anruf beim Doppelpass
Größter Verfechter des Fingerspitzengefühlfußballs ist Lothar Matthäus. Der Weltmeister von 1990 redete sich am Samstag in Leipzig nach Gelb-Gelb-Rot für den Gladbacher Alassane Plea derart in Rage, dass ich schon fürchtete, er werde gleich seine Fingerspitzengefühl-Theorie beim tapfer dagegenhaltenden Sky-Moderator Sebastian Hellmann mit Fäusten durchsetzen.
Er sei der Meinung, tobte Matthäus, dass Emotionen zum Fußball gehören, und sein Kopf glühte dabei. Lustigerweise hatte das aber gar niemand infrage gestellt. Es geht ja bei der neuen Regelauslegung nicht darum, Emotionen abzubauen, sondern nur: Sie nicht am Schiedsrichter auszulassen. Und schon gar nicht auf eine Art und Weise, wie es Plea tat, der auf mich wirkte wie einer dieser neuseeländischen Rugby-Nationalspieler beim Aufwärmen.
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Als Lothar nach dem Abpfiff im Stadion weiter vehement mehr Fingerspitzengefühl von den Schiedsrichtern forderte, fragte ich mich: Wie soll das denn funktionieren? Wie soll jemand Fingerspitzengefühl entwickeln, aber sich, so Lothars Theorie, dabei gefälligst weiter anbrüllen lassen müssen?
Matthäus (den ich als Experten sonst natürlich grandios finde) hat dann was Fieses gesagt: Die neue Regelauslegung sei von Menschen verfasst worden, die auf dem Sofa sitzen und nie selbst Fußball gespielt haben – das perfide K.o.-Argument aller Ex-Profis, die damit Normalos aus der Diskussion kegeln wollen. (Bei mir funktioniert das aber nicht. Was die wenigsten wissen: Ich war bester deutscher Torschütze der EM 2000. Bei vier abendlichen Journalistenspielen traf ich fünfmal, also viermal öfter als der zweitbeste deutsche EM-Torjäger Mehmet Scholl. Aber das nur nebenbei.)
Ich habe mich gefragt, was das überhaupt sein soll, Fingerspitzengefühl. Für jeden bedeutet es etwas anderes. Benutzt ein Fan der Mannschaft X das Wort, meint er damit, dass der Schiri zugunsten seines Teams ein paar Augen zudrücken soll. Und zwar auch dann, wenn er gerade von Menschenmassen eingekreist ist und dabei angetatscht und angebrüllt wird, wie man das sonst nur von wuseligen Wochenmärkten in Südeuropa oder Nordafrika kennt.
Geht es aber um Rudelbildung bei der gegnerischen Mannschaft Y, ist Fingerspitzengefühl natürlich Kinderkram und wird den Fußball nie weiterbringen. Jetzt helfen nur knallharte Ansagen und Karten, Karten, Karten. Kommt es so, lobt der Fan, der eben noch “Fingerspitzengefühl” schrie, plötzlich das “konsequente Durchgreifen” des Unparteiischen.
Darum stritten Nagelsmann und Ginter
Die Schiedsrichter sind also wie immer: die Verlierer. Sie können die Regelauslegung auslegen wie sie wollen, sie werden es nie allen rechtmachen. Zeigen sie also wirklich jedem meckernden, motzenden und herumrudelnden Spieler Gelbe und Gelb-Rote Karten, rufen sie ganze Bataillone ewiggestriger Fußball-Bewahrer auf den Plan. 
Oder eben: Sie lassen das vielzitierte Fingerspitzengefühl walten. Schaffen also keine Präzedenzfälle wie in Leipzig oder davor in Bielefeld, wo der Bochumer Torwart meckerbedingt Gelb und Gelb-Rot in einem Aufwasch sah und dann von einem Feldspieler ersetzt werden musste. Was ohne diese harten, aber gerade jetzt nötigen Vorzeigeentscheidungen in der Bundesliga passieren würde, ist klar: gar nichts. In drei Wochen hätten wir dann wieder Dauer-Demo auf dem Rasen (wie es das übrigens in keiner anderen Sportart gibt). Und alles wäre, wie es mal war. Wobei, nein, es würde dann vermutlich noch schlimmer kommen. Irgendwann brächte ein Spieler gleich seinen Berater oder einen Anwalt zur Rudelbildung mit auf dem Platz. Traut sich ja eh keiner mehr, was dagegen zu unternehmen, würde er denken.
Apropos. Gladbach-Manager Max Eberl hat gestern den Doppelpass angerufen und angeregt, dass sich mal alle zusammensetzen. Das ist eine gute Idee. Ich melde mich freiwillig zum Team “Alle”. Ich bin sicher, dass schon ein paar weitere Auslegungen der neu ausgelegten Regeln hilfreich sein könnten. Meine Ideen, erste Auslegung: Noch konsequenter alles bestrafen, was mit Rudeln, Meckern und Motzen zu tun hat. Zweite Auslegung: Ein Spieler, der wiederholt wegen Meckerns, Rudelns oder Motzens ausgelegt wird, muss zusätzlich bestraft werden – einmal Gelb: keine Friseurbesuche mehr im Hotel. Zweimal Gelb: vorübergehend keine Goldsteaks mehr. Dreimal Gelb: zwei Wochen Lupo fahren.
Ich wette, das hilft mehr als jedes Schiri-Fingerspitzengefühl.
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“Daran denke ich jetzt noch nicht”, antwortete Hasan Salihamidzic reserviert, als er nach dem 3:1 gegen Mainz 05 danach gefragt wurde, ob Hansi Flick denn bald einen langfristigen Cheftrainer-Vertrag beim FC Bayern unterschreiben werde.
Eine Antwort, irgendwo angesiedelt zwischen “wir machen das schon” und “warten wir doch erstmal ab”.
Dabei kann die Antwort auf die Trainerfrage nur heißen: Flick oder nix.
Er lässt Müller müllern und Thiago zaubern
Nicht allein, weil er die Münchner durch zuletzt sechs Siege in Folge an die Tabellenspitze zurückgeführt hat. Nicht nur, weil er aus 13 Pflichtspielen elf Siege holte. Er hat dafür gesorgt, dass Serge Gnabry im lange Zeit vermissten Mia-san-Mia-Verständnis sagt: “Wir sind wieder da”.
Der Erfolg unter Flick ist kein Zufall. Es ist Können.
Seine Mannschaft hat zwar noch immer Laissez-Faire-Phasen wie in der ersten Halbzeit gegen Hertha BSC und in der zweiten gegen Mainz. Flick lässt mit der Art seines Coachings aber berechtigte Vergleiche mit Jupp Heynckes und Ottmar Hitzfeld aufkommen. Bei der 5:0-Gala gegen Schalke 04 hat Uli Hoeneß sogar Parallelen zum früheren Dominanz-Fußball von Pep Guardiola feststellen können.
Im Favoritenfußball die Außenseiter
Überhaupt scheint Flick aus jenem Trainer-Holz geschnitzt ist, was man sich in München wünscht: Ein bisschen Jupp, ein bisschen Pep. Warum also nicht Nägel mit Köpfen machen?
Flick hat die Kabine im Griff. Er lässt detailversessen trainieren. Er fördert die eigenen Talente. Er verfügt über ein ausgezeichnetes Netzwerk. Er stellt gemäß des Leistungsprinzips auf und formuliert seine Forderungen öffentlich und ohne Angst vor Konsequenzen, wenn es ihm um das Wohl des Vereins geht. 
Gladbach beißt sich in der Spitzengruppe fest
Flick schafft es ebenso nachweislich, Spieler aus Formkrisen zu holen, siehe Thomas Müller oder Thiago.
“Thiago oder nix”, forderte Guardiola einst, weil er davon überzeugt war, dass nur sein Landsmann der passende Mosaikstein für die erfolgreiche Umsetzung seiner Spielidee sei.
Die Bayern sollten zur gleichen Überzeugung kommen und Flick vorzeitig und dauerhaft befördern - selbst für den Fall, dass die Bayern vorzeitig im DFB-Pokal ausscheiden oder im Achtelfinale der Champions League scheitern sollten. Warum nicht mit einem Trainer auch einmal einen Sturm überstehen, der den Rückhalt der Mannschaft hat?
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