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Fußball bei Amazon: Für die Bundesliga wird's brutal

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Man kann Lucien Favre nur beglückwünschen. Bei aller Kritik, die
 

Fever Pit’ch

11. Dezember · Ausgabe #307 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Man kann Lucien Favre nur beglückwünschen. Bei aller Kritik, die der BVB-Trainer im Verlauf der Hinrunde einstecken musste: Das 2:1 über Slavia Prag und das Erreichen des Achtelfinales in der Champions League sind nicht nur eine schöne Belohnung dafür, dass er bei herben Rückschlägen die Nerven behalten hat. Die Genugtuung über die kaum erwartete Kehrtwende bei Borussia Dortmund entschädigt Favre auch für die Häme und Kritik, die er von außen, auch von uns Sportjournalisten, erlebt hat.
Denn beim Fußball zählen am Ende immer die Resultate. In der Bundesliga liegt Borussia Dortmund auf Tabellenplatz 3 nur fünf Punkte hinter dem Tabellenführer Mönchengladbach und zwei Punkte vor Bayern München - das Saisonziel “Meisterschaft” ist noch immer in Schlagweite. Im DFB-Pokal folgt im Achtelfinale am 5. Februar die Revanche gegen Werder Bremen - der Wunschtraum “Pokalsieg” ist noch immer realisierbar. Dazu das Achtelfinale in der Champions League erreicht - mehr wollte man im Moment nicht.
Ist die Kritik in der Vergangenheit deshalb unberechtigt gewesen? Das gewiss nicht. Die traurigen Auftritte beim 1:3 in Berlin und beim 0:4 in München, die ärgerliche Unentschieden-Serie mit 2:2 gegen Frankfurt, Bremen und Freiburg sowie die Peinlichkeit beim 3:3 gegen Paderborn sind nicht vergessen, nur weil die Bundesliga-Spitze durchwachsen spielt und Schwächephasen nicht brutal bestraft. Vielleicht bewirkte die Kritik das Gute mit: Favre und Mannschaft strafften sich, als es darauf ankam.
Der Freudentaumel gestern im Signal Iduna Park war Ausdruck größter Erleichterung, dass die Mannschaft das Kämpfen nicht verlernt hat. “Sensationell, unglaublich, fantastisch” nannte Torwart Bürki den Auftritt. Gleichwohl hatten die jüngsten Erfolge in der Bundesliga und jetzt über Prag eine Ursache: Favre war zu einer taktischen Umstellung gezwungen. Die Dreierkette gibt seinem Spiel Stabilität. Hier zahlte sich aus, dass Favre seine Sturheit aufgegeben und zugehört hat. Flexibilität zeichnet Trainer aus.
Beim SSC Neapel wurde Carlo Ancelotti noch in der Nacht entlassen. Mit sofortiger Wirkung, wie es hieß. Der frühere Bayern-Trainer hatte nur drei Stunden zuvor 4:0 gegen KRC Genk gewonnen und als Gruppenzweiter das Achtelfinale in der Champions League erreicht. So ist das Trainergeschäft, wenn’s schlecht läuft. BVB-Boss Watzke hat schon einen Trainer freigestellt, der den DFB-Pokal gewonnen hat, Bayern München sogar einen Double-Gewinner. Favre weiß selbst nur zu gut: Resultate alleine reichen nicht.
Einen europäischen Mittwoch wünscht
Euer Pit Gottschalk

Fußball bei Amazon: Für die Bundesliga wird's brutal
Die Königsklasse ist erst der Anfang
Die Königsklasse ist erst der Anfang
Novum: Amazon Prime holt sich die Champions League
Amazon Prime hat sich erstmals ein großes TV-Rechtepaket an der Champions League in Deutschland gesichert, und das kann man getrost als Start in ein neues Zeitalter des Fußballs auslegen. Für die Top-Klubs bedeutet es: ab 2021 noch mehr Einnahmen für Teilnehmer an der Königsklasse. Für die anderen dahinter: Fernglas auspacken.
Niemand glaubt daran, dass Amazon Prime ein Schnäppchen gemacht hat. Hier fließt künftig richtig viel Geld, und alle Spitzenklubs werden etwas vom größeren Prämienkuchen haben wollen. Schon jetzt, ohne Amazon, sind ja für ein Unternehmen wie Bayern München bis zu 100 Mio. Euro Zusatzeinnahme pro Saison möglich.
In der Bundesliga wird es für die Vereine künftig also noch wichtiger, alles daran zu setzen, am Ende auf Platz 1 bis 4 zu landen – sonst hängt einen die mit Scheckbuch beladene Konkurrenz im Jahr drauf erst recht ab.
Das hat zur Folge: Das Hauen und Stechen um einen Startplatz in der Königsklasse wird künftig noch brutaler. Jeder verpatzte Freistoß, jede falsche Entscheidung über einen Einwurf wird die Bosse in den Wahnsinn treiben, weil sie zweistellige Millionenbeträge kosten können.
Und: Wenn womöglich in naher Zukunft dem Sieger des Wettbewerbs eine Viertelmilliarde Euro Prämie winkt, riskiert der eine oder andere Manager noch häufiger den Finanz-Harakiri bei der Transferplanung. Das klingt alles spannend und gefährlich, für die deutschen Fans ist es jedenfalls nicht unbedingt eine so gute Nachricht.
Dienstags neu im Spiel
Erstens: Noch weiß niemand, was Amazon ab 2021 für ein Abo aufrufen wird, mit dem man dann ja auch nur die Dienstagsspiele live sehen kann. Und keiner weiß, was noch kommt: Wer holt sich die anderen Pakete? Wer den Mittwoch, wer die Zusammenfassungen, wer ersteigert das Finale, das ja diesmal auch separat ausgeschrieben wurde?
Das Worst-Case-Szenario könnte ab 2021 so aussehen: Sky hält das eine CL-Paket, Amazon das andere, Netflix überträgt das Endspiel, DAZN zeigt die Höhepunkte kurz nach Schlusspfiff. Und Disney und Telekom teilen sich die Bundesliga auf. Kostenpunkt für den fußballinteressierten Kunden zu Hause auf dem Sofa: locker bis zu 1000 Euro pro Saison.
Zweitens: Momentan sieht es nicht danach aus, als könnte die Bundesliga von der zu erwartenden Prämienexplosion insofern profitieren, dass sie international endlich wieder aufschließt. Denn woanders explodiert’s ja auch, nur dass die Klubs in Spanien und England national mehr einnehmen und obendrein besser spielen, was sie in jeder Hinsicht interessanter macht.
Beispiel? Als der Trainerstuhl beim FC Bayern frei wurde, zuckte Star-Trainer José Mourinho keine Sekunde. Er ging lieber nach Tottenham, zu diesem Zeitpunkt auf Platz 14 in der Premier League. Noch ein Beispiel: Von den zehn Mannschaften, die in den vergangenen fünf Champions-League-Endspielen standen, kam genau keine aus Deutschland – fünfmal war Spanien vertreten, dreimal England, zweimal Italien.
Die Amazonisierung des Fußballs
Wird die Bundesliga also womöglich zum finanziell glänzend aufgestellten Auslaufprodukt, dem die Konkurrenz immer weiter davonrennt?
Die einzige Chance, die die deutsche Liga hat (neben mehr Siegen auf internationalem Terrain): National noch mehr Einnahmen generieren. Und da sind wir auch schnell bei der nächsten TV-Rechtevergabe für die Bundesliga, bei der vielleicht Amazon mitbietet. Eine spannende Liga mit vier bis sechs Top-Teams auf Augenhöhe könnte den Preis nach oben treiben – zumindest so gesehen ist die Bundesliga gerade auf einem richtig guten Weg.
Champions League heute im Fernsehen
Borussia Dortmund im Freudentaumel
BVB im Achtelfinale - dank Brandt, Bürki, Barcelona BVB im Achtelfinale - dank Brandt, Bürki, Barcelona
"Sensationell, unglaublich, fantastisch"
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Bisschen Königsklasse
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Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
König Fußball, Kaiser Zufall
Von Alex Steudel
Ich habe kürzlich ein neues Projekt gestartet und versucht, den Fußball zu entschlüsseln. Der Fußball macht ja bekanntlich, was er will, also im Vergleich zu total durchschaubaren Sportarten wie Tennis, wo der Weltranglisten-Erste nie sein Erstrundenspiel gegen einen Qualifikanten aus Armenien verliert, oder zur Formel 1, wo kein griechischer Arbeitersohn in einem klapprigen Dacia Turbo, der 100 PS weniger hat als ein Mercedes, jemals in Monte Carlo gewinnen würde. Im Fußball gewinnen dauernd krasse Außenseiter, sogar Paderborn gewinnt.
Das macht mich wahnsinnig.
Ich habe mich in das Thema eingearbeitet und gelesen, dass es keinen Sport gibt, bei dem der Zufall eine so große Rolle spielt wie im Fußball. Und damit meine ich nicht die Transferpolitik des FC Bayern, sondern das, was auf dem Platz passiert. Ein holpriges Stück Rasen kann ein Spiel entscheiden, ein Schuss, der vom Pfosten eben nicht ins Tor springt, sondern wieder raus, oder ein Flatterball. Im Tennis würde ein Ball nie grundlos flattern, in der Formel 1 flattern höchstens die Nerven von Sebastian Vettel. Und hat je ein Weltmeister in der ersten Runde des Schach-Pokals gegen Jürgen Müller aus Pinneberg verloren?
Dass Fußball so zufällig ist, ist ein Problem für jemanden wie mich, der die Kontrolle über Wahrscheinlichkeiten behalten möchte. Ich spiele zum Beispiel nie Lotto, seit mir ein Statistikprofessor gesagt hat, dass die Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zur Annahmestelle tödlich zu verunglücken, größer sei als die, einen Sechser mit Superzahl zu schaffen.   
Statistik für Fortgeschrittene am Beispiel Bayern–Tottenham. Quelle: Infogol.net
Statistik für Fortgeschrittene am Beispiel Bayern–Tottenham. Quelle: Infogol.net
Wer den Fußball entschlüsseln will, ist schnell bei Daten und Statistiken. Ich habe das sehr spannende Buch Matchplan meines Kollegen Christoph Biermann gelesen und gelernt, dass beim Fußball im Prinzip alles klar sein könnte, wenn der blöde Zufall nicht wäre. Der heiße Scheiß ist momentan zum Beispiel die “Expected Goals”-Statistik. Sie zeigt auf (ich vereinfache das Buch jetzt mal fast bis zur Unkennntlichkeit, sorry!), wie gut eine Mannschaft wirklich spielt, wieviele Tore sie also theoretisch in einem bestimmten Spiel schießen würde, wenn der Faktor Zufall nicht wäre. 
Natürlich beschäftige ich mich auch mit Taktik. Früher haben Trainer ihren Spielern gesagt, sie sollen rausgehen, das Spiel gewinnen, und nachher gehen wir ein Bier trinken. Heute gibt es im Fußball ganze Bataillone von Statistikern, Programmierern und Analysten, die zentimetergenaue Anweisungen per Bluetooth-Mikro vom Tribünendach nach unten durchgeben und das Spielfeld in Viereckchen aufteilen. 
Ich weiß zum Beispiel von einem Top-Experten, dass Niko Kovac beim FC Bayern keine richtige Spielidee hatte und dass Hans Flick zwar eine hat, aber nicht flexibel genug reagiert, wenn in der 19. Minute was Komisches passiert. Ich habe gelernt, dass Pep Guardiola die Entwicklung des Fußballs mit seinem Tiki-Taka jahrelang behindert hat, weil ihn alle Trainer nachzumachen versuchten, anstatt eine neue eigene Ideen zu entwickeln.
Außerdem kenne ich jetzt jeden taktischen Winkelzug im Fußball. Also nicht so Kinderkram wie Umschaltspiel oder Ballbesitzfußball, nein, ich weiß, was Zwischenlinienraum ist und wie man den Deckungsschatten findet, und ich habe deshalb kürzlich - mit all dem neu erworbenen geballten Fachwissen in meinem Kopf und 20 Euro in der Tasche - ein Tippspiel-Konto eröffnet.
Und binnen kürzester Zeit alles verspielt.
Ich weiß nun ganz sicher: Im Fußball ist wirklich alles Zufall. Jetzt muss ich nur noch einen Anbieter finden, bei dem ich darauf wetten kann. 
Alle mal herschauen!
"Der Coach muss die Jungs mitreißen können" "Der Coach muss die Jungs mitreißen können"
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