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Gründe für das HSV-Desaster - und die Bayern-Dominanz

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Es gibt gute Gründe, warum ich jahrelang an keinem Tippspiel teil
 

Fever Pit’ch

29. Juni · Ausgabe #401 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Es gibt gute Gründe, warum ich jahrelang an keinem Tippspiel teilgenommen habe. Nie konnte ich eines gewinnen. Immerhin: Beim Fever Pit'ch Tippspiel schloss ich die Saison auf Platz 95 ab und gehöre zu den besten zehn Prozent im Teilnehmerfeld - mit 39 Punkten Rückstand auf den Gewinner (441).
Wie schlecht ich tippe, zeigt das Beispiel 2. Liga. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass der 1. FC Heidenheim in die Relegation um den Aufstieg einzieht und der Hamburger SV nicht aufsteigt. Der HSV-Kader ist mit 46 Mio. Euro mehr also doppelt so viel wert wie der von Heidenheim.
So endet schon zu Beginn jede rationale Erklärung, warum der ja bestens ausgestattete Hamburger SV in der Abschlusstabelle nur einen Saisonsieg mehr aufzuweisen hat als Darmstadt 98, Hannover 96 und - jetzt kommt’s - Erzgebirge Aue. Die Sachsen kassierten nur zwei Tore mehr als der HSV.
An der fachlichen Qualifikation von Trainer Dieter Hecking kann es nicht liegen: Er allein gewann mehr Titel als der Hamburger SV in mehr als drei Jahrzehnten. Jeder Trainertyp ist inzwischen am HSV gescheitert. Man kann also nicht behaupten, dass Trainer und Mannschaft nicht zusammenpassten.
Irgendetwas in diesem Verein muss so faul sein, dass fruchtbare Phasen stets plötzlich enden und, schlimmer noch, ins Desaster wegrutschen. 1:5 gegen Sandhausen, wenn es drauf ankommt: Dafür gibt es keine Entschuldigung. Womöglich geht’s den Spielern in Hamburg einfach zu gut.
Ob Europacup oder 2. Liga: Wer Erfolg will, muss zum fußballerischen Talent Opferbereitschaft einbringen, einen Geist, der über Schwächeperioden hinweg trägt. Diesen Geist des Widerstands hatte der HSV, als es in der Hinrunde Häme gegen Bakery Jatta gab. Und danach nicht mehr.
Plötzlich war die Luft raus. Man konnte es sogar bei Auswärtssiegen wie beim 1:0 in Dresden sehen, dass nicht Überlegenheit den Sieg brachte, sondern ein bisschen Glück. Aber Glück ist launisch. In der Rückrunde wurden neun Punkte in der Nachspielzeit verschenkt. Die Luft ging aus.
Der Wille zur Arbeit ist zwischen Elbe und Alster zahlreichen Verlockungen und Möglichkeiten zur Defokussierung ausgesetzt. Der HSV gebärdet sich in der Stadt wie ein Denkmal, das an bessere Zeiten erinnern will, und dabei übersieht, dass inzwischen jeder Vierbeiner sein Beinchen an ihm hebt.
Mit dem Glanz der Vergangenheit hat noch kein Verein Punkte gewonnen. Längst verlieren die Heidenheims und Sandhausens jeden Respekt vor dem HSV im Allgemeinen und dem Volksparkstadion im Besonderen. Der sehr langsame Aaron Hunt war zuletzt der beste Hamburger. Das sagt ja alles.
Wo ist der Hunger? Die Gier? Die mangelhafte Zielstrebigkeit durchzieht den kompletten Verein. Sogar Talenten im Nachwuchsleistungszentrum wird gesagt, dass Fußball nicht alles im Leben ist. Mag ja sein. Nur führt man so keinen Profiklub. Die eigene Zukunft muss das Allerwichtigste sein.
Vermutlich wird man in den nächsten Tagen wieder alles infrage stellen, was kürzlich Best-of-Class gewesen sein soll, und so die Schalker Verhältnisse der Diskontinuität zementieren. Trainer weg, Manager weg, das halbe Team: Wer weiß, was denen sonst noch einfällt. Das Problem ist damit nicht weg.
Der HSV braucht Spielphilosophie, Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel, ein Wir-Gefühl, das nicht vom nächsten Scheck eines alten Milliardärs abhängt. Beim letzten Erneuerungsprozess hat man Lotto King Karl mit seiner Hamburg-Hymne fortgejagt. Als ob er das Problem gewesen sei.
Nein, war er nicht. Sein Abgang war billige Symbolpolitik, die zu nichts geführt hat, weil sie vom Inhaltlichen ablenkte: Da stand irgendwann keine leistungswillige Mannschaft mehr auf dem Rasen - und keiner war da im Verein, der die Spieler in bester Hoeneß-Manier durchschütteln konnte.
Vielen Traditionsvereinen ging es schon so. Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach zum Beispiel. Die fanden dann einen, der’s drauf hat, die einen Fredi Bobic, die anderen Max Eberl. Seitdem funktionieren die Klubs. Ob der HSV einen solchen Typen zuließe? Darauf tippen würde ich nicht.
Einen provinziellen Montag wünscht
Euer Pit Gottschalk

Um Gottes Willen! Heidenheim!
Nichts geht mehr beim HSV
Nichts geht mehr beim HSV
Hamburger SV: Deprimierend und surreal
Von Alex Steudel
Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass im Sommer 2020 ein Erstliga-Relegationsspiel in Heidenheim stattfindet, hätte ich auf Stadionumbau in Stuttgart getippt.
Aber im Ländle muss gerade nix umgebaut werden; womöglich steigt wirklich der 1. FC Heidenheim auf.
In den Reiseabteilungen von 16 Bundesligisten bricht gerade hektisches Treiben aus: Um Gottes Willen, Heidenheim! Was ist das? Und falls ja: Wo?
Die gute Nachricht: Man kann Heidenheim ohne Steigeisen erreichen. Einfach mit dem Auto hinfahren, es liegt an der A7. Wie das Volksparkstadion übrigens.
Ich weiß das, ich glaube, ich war schon mal in Heidenheim. In den Neunzigern, bei einem Landesliga-Spiel. Heidenheim hat 48.000 Einwohner. Das ist etwas mehr als Hälfte der Mitgliederzahl des Hamburger SV, den Heidenheim gestern im ersten Kanterniederlagen-Duell der Ligageschichte hinter sich gelassen hat.
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Grob kalkuliert steht 48.000 auch für die Anzahl der Menschen in Hamburg, die den HSV besser führen könnten als die aktuelle Führung des HSV.
Heidenheim braucht eben nicht viele Menschen, um glücklich zu sein. Der Klub hat zum Beispiel seit 2007 denselben Trainer (Frank Schmidt). Der HSV beschäftigte in dieser Zeit schlappe 20. (Anmerkung für die Schlussredaktion: Nein, das ist kein Tippfehler.)
Ich weiß, was ihr jetzt denkt: “Was redet der Steudel denn die ganze Zeit? Diese Truppe hat doch null Chance gegen Bremen!”
Wenn ihr euch da mal nicht täuscht. Heidenheimer sind Schwaben, die sind also schlau. Die wussten genau, dass der HSV niemals gegen Sandhausen gewinnen würde.
Und deshalb haben sie sich in Bielefeld geschont für die beiden Begegnungen mit Werder Bremen.
Da, wo der HSV hingehört
"Das liegt in meiner Verantwortung"
Peter Müller
Wenn du denkst, schlimmer als auf Schalke kann es nicht laufen, belehrt dich der HSV.
Heute im Fernsehen
Relegation am Donnerstag
Werder Bremen: Sturmwarnung vor Heidenheim Werder Bremen: Sturmwarnung vor Heidenheim
100 Tore! Bayern-Bilanz ist ein Statement
Uli Hoeneß wieder Abteilung Attacke Uli Hoeneß wieder Abteilung Attacke
BR24Sport
Hoeneß über Dominanz FC Bayern: "Man kann nicht von uns erwarten, dass wir jetzt alle halbtags arbeiten, damit die Bundesliga wieder spannend wird." #BR24Sport #Blickpunkt
Von Pit Gottschalk
Nein, es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Bayern München zum achten Mal in Folge die Meisterschale gewonnen hat. Man muss nur die Liste von Spielern betrachten, die den Rekordmeister seit dem Serienstart 2013 verlassen haben, um den permanenten Erneuerungsprozess in seiner ganzen Tragweite zu würden.
Es gingen Weltmeister wie Philipp Lahm, Toni Kroos, Basti Schweinsteiger. BVB-Einkäufe wie Mario Götze und Mats Hummels. Superstars wie Arjen Robben, Xabi Alonso, Franck Ribéry. Internationale Stars wie Arturo Vidal und Mario Mandzukic. Nationalspieler wie Mario Gomez und Sebastian Rudy. Nicht zu vergessen: Trainer wie Pep Guardiola und Jupp Heynckes.
Und trotzdem mischten diese Bayern auch im achten Jahr die Liga auf. Die Bilanz von 100 Saisontoren ist nicht nur die zweitbeste der Bundesliga-Geschichte. Die Zahl ist ein Statement: Der Verein ist größer als die Spieler, die dort ihr Geld verdienen. Auch deshalb hört der FC Nimmersatt nicht mit dem Fußballspielen auf, wenn der Meistertitel längst perfekt ist.
"Bei diesem Scheiß-Verein…"
"Vermessen, arrogant und überheblich"
Der Vergleich mit Borussia Dortmund ist nicht gewollt, aber unvermeidbar: Die einen gewinnen am letzten Spieltag halt 4:0 beim VfL Wolfsburg, während die anderen zu Hause 0:4 gegen die TSG Hoffenheim verlieren. Es ist eine Charakterfrage: Bin ich mit meinen Gedanken schon in Urlaub - oder will ich aus bis zur letzten Sekunde zeigen, was mir Spaß macht?
Genau deswegen greift der Vorwurf, dass die Bayern allein wegen ihres Festgeldkontos der Bundesliga jede Spannung raubt, viel zu kurz. Am Geld allein liegt’s ja nicht, dass die Rivalen leichtfertig die einfachen Liga-Spiele abschenken. Selbst wenn man die direkten Duelle verliert, wie es Borussia Dortmund getan hat: Allen anderen Klubs ist man selbst finanziell überlegen.
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"Eine Mannschaft hatte nicht viel Lust"
In der Abschlusstabelle haben die Bayern 13 Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund. Normal ist das nicht. Die großen Bayern der 70er- und 80er-Jahre hatten irgendwann ihren Zenit überschritten und zeigten ihre Verfallserscheinungen so deutlich auf dem Rasen, dass die Konkurrenz gleichzog. Diesmal sind keine Anzeichen für einen Machtwechsel erkennbar.
Schlimmer noch: Die mangelhafte Mentalität beim BVB und die mangelhafte Konstanz bei RB Leipzig sind offensichtlich. Wenn bei den Bayern ein Erfolgstrainer wie Niko Kovac bei der Mannschaftsführung schwächelt, wird er ausgetauscht. Bei Borussia Dortmund darf der Trainer seine Laborversuche eine weitere Saison fortsetzen - das ist der Unterschied.
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Thomas Nowag (SID)
Bürki: „Bayern hat diese absolute Winner-Mentalität. Vielleicht haben wir manchmal die falsche Mentalität und die falsche Einstellung.“

Korrekt.
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Von Nicolas Reimer
Es ist also tatsächlich geschafft. Im Würgegriff einer bedrohlichen Pandemie ist die 57. Saison der Fußball-Bundesliga allen Unkenrufen und Untergangsszenarien zum Trotz zu Ende gegangen - sicherlich unter sehr gewöhnungsbedürftigen Rahmenbedingungen, aber immerhin. Vor drei Monaten hätte wohl jeder in der Branche einen solchen Ausgang ohne mit der Wimper zu zucken unterschrieben.
Zu verdanken ist das insbesondere der konzentrierten und beharrlichen Arbeit der Deutschen Fußball Liga (DFL), die in der Vergangenheit zu Recht schon für die ein oder andere Entscheidung an den Pranger gestellt worden war. Das Krisenmanagement von DFL-Boss Christian Seifert aber war größtenteils exzellent, es hagelt verdiente Anerkennung und beweist, dass Deutschlands Eliteklasse auch im Vergleich mit Schwergewichten wie der Premier League oder der spanischen La Liga eine der besten Führungen hat. Vielleicht sogar die beste.
Dies beweist im Übrigen nicht nur die Beendigung der Saison, die in anderen Ländern noch auf sich warten lässt oder (wie etwa in Frankreich) gar nicht mehr möglich ist. In Corona-Zeiten nebenbei auch noch einen Vertrag mit den zu Sparmaßnahmen verdammten Rechteinhabern auszuhandeln, der nur 60 Millionen Euro pro Saison weniger einbringt als der bisherige, ist ebenfalls eine respektable Leistung.
Nicht ohne!
Die finanzielle Kluft zu den Ligen in England und Spanien wird dadurch wahrscheinlich zwar weiter wachsen, vielleicht wäre Seifert deshalb eine Art Solidarzahlung vonseiten der Big Player sogar lieber als warme Worte. Die DFL verzichtete aber (ganz richtig) auf ein Copyright für ihr Hygienekonzept, die Konkurrenten erhielten kostenlos Einblick in das Erfolgsrezept.
Von einem “seelenlosen Machtapparat” zu sprechen, wie es Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte tat, verkennt daher die Situation. “Knallhart” und “gnadenlos” war das Vorgehen der DFL allemal - der Erfolg gibt ihr aber recht.
Nicolas Reimer ist Redakteur beim Sport-Informationsdienst (SID)
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