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"Pyro ist nicht das, was der Fußball-Fan sehen will"

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Für das Stadtderby in Hamburg hatte der FC St. Pauli einen verweg
 

Fever Pit’ch

16. September · Ausgabe #235 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Für das Stadtderby in Hamburg hatte der FC St. Pauli einen verwegenen Plan gefasst. Wäre der Fall Jatta nicht entschieden gewesen, hätte jeder einzelne Pauli-Spieler heute Abend ein Jatta-Trikot beim Aufwärmen getragen. Menschliche Solidarität mit dem größten Kontrahenten: Das Signal wäre fantastisch gewesen.
Noch bevor die Identität von Bakery Jatta bestätigt werden konnte, wollte St. Pauli klarmachen: Allein sportliche Kriterien sollten das Zweitliga-Duell mit dem Stadtrivalen Hamburger SV entscheiden. Und nicht juristische Tricksereien, wie es der 1. FC Nürnberg, VfL Bochum und Karlsruher SC versuchten.
In den Farben getrennt, in der Sache vereint - so hatte es Jatta vorige Woche in seinem Dank für die Unterstützung formuliert und ausdrücklich den FC St. Pauli in seiner Stellungnahme eingeschlossen. Leider steht zu befürchten, dass dieser Satz heute Abend wieder zweckentfremdet wird. Es geht um Pyrotechnik.
Im Frühjahr, beim ersten Zweitliga-Derby am Millerntor (4:0 für den HSV), hatten sogenannte Fans das Stadion in ein Flammenmeer verwandelt und Schiedsrichter Felix Brych fast zum Abbruch der Begegnung gezwungen. Ordner im Stadion standen tatenlos daneben, als Leib und Leben gefährdet wurden.
Polizisten sahen sich außer Stande, Familien vor dem Mob im Stadion zu schützen. Ein Fußballstadion als rechtsfreier Raum: Das Foto vom lachenden Clown, der auf dem Zaun ungehindert das Feuerwerk dirigierte, führte die Absurdität des deutschen Profifußballs vor Augen. Der eigene Anhang machte den FC St. Pauli vor aller Welt lächerlich.
St. Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig drückte zwar anschließend und aufrichtig seine Enttäuschung über das asoziale Verhalten im eigenen Fanblock aus. Doch Tatsache ist auch: Sein Präsident Oke Göttlich hatte mit einer laschen Haltung beim Thema Pyrotechnik zum Rechtsbruch am Millerntor ermuntert. Er wollte den Pyromanen gefallen.
Derselbe Oke Göttlich sitzt nun, frisch gewählt, im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Man wird heute Abend sehr genau hinsehen müssen, wie sich das Publikum auf den günstigen Plätzen verhält. Brennt sein Stadion wieder, muss er als verantwortlicher Vereinspräsident mal mit konstruktiven Vorschlägen um die Ecke kommen.
Einen farbechten Montag wünscht
Euer Pit Gottschalk

Heute St. Pauli: HSV-Trainer Dieter Hecking im Interview
"St. Pauli hat Punkte nicht nötiger als wir" "St. Pauli hat Punkte nicht nötiger als wir"
Trainer Dieter Hecking (55) spricht im SID-Interview über den Höhenflug des Hamburger SV, seine turbulenten ersten Wochen und den Fall Bakery Jatta sowie, natürlich, sein erstes Stadtderby gegen den FC St. Pauli.
Dieter Hecking, mit Verlaub: Sie sehen frisch aus. Gar keine Nachwehen von Ihrer Geburtstagsparty? Oder haben Sie es kurz vor dem Stadtderby gegen den FC St. Pauli ruhig angehen lassen?
Dieter Hecking: Unter der Woche feiert man nicht so ausgiebig, wie man es vielleicht am Wochenende gemacht hätte. Es war eine ganz ruhige Feier im Kreise der Familie mit einem kurzen Anstoßen.
Kein Gedanke ans Derby?
In einer Stadt wie Hamburg ist das Derby natürlich DAS Thema, deshalb kann man sich dem nicht entziehen.
Sie haben anlässlich Ihres Ehrentages sicherlich auch mal in den Rückspiegel geschaut. Der neue Job, der starke Saisonstart, der Fall Bakery Jatta - hat Sie die Intensität der turbulenten ersten Wochen in Hamburg überrascht?
Ja, es war schon sehr intensiv. Das war für mich wie für viele Neuland bei diesem Klub, der nach wie vor eine ungeheure Strahlkraft und eine große Wucht hat. Das habe ich so bei meinen vorherigen Arbeitgebern noch nicht erlebt. Aber wir haben diese Zeit auch sehr genossen und genutzt. Und der Fall Bakery Jatta war von der Emotionalität her natürlich etwas Besonderes.
Jatta hat nun in einem öffentlichen Statement noch einmal von einer “Hexenjagd” gegen ihn gesprochen. Wie beurteilen Sie den Schritt Jattas, mit diesen emotionalen Worten an die Öffentlichkeit zu gehen?
Er hat in den vergangenen Wochen eine wahre Achterbahnfahrt durchgemacht. Er hat sich bedankt bei seinen Mitspielern und beim Verein. Dass er dann noch mal von Hexenjagd gesprochen hat, kann ich menschlich verstehen, es war aber vielleicht nicht ganz angebracht. Man muss aber auch vor Baka den Hut ziehen, wie er das vier Wochen über sich hat ergehen lassen. Das hat er sensationell gemacht.
Der HSV stand bei diesem Thema auffallend eng beisammen. Wie haben Sie die Geschehnisse der vergangenen Wochen erlebt? Was nehmen Sie für sich persönlich mit?
Dieser Zusammenhalt kann Berge versetzen. Ich bin natürlich auch froh, dass es im Nachhinein genauso gekommen ist, wie wir es vermutet haben. Selbst wenn Bakery Jatta irgendwas gemacht hätte, was nicht dem Gesetz entspricht in Deutschland, wären wir als HSV zu diesem Mensch gestanden.
Die große Umfrage zum Derby
Herr Hecking, zurück zum Sport. Sie haben mit Alemannia Aachen im Europacup gespielt, gewannen mit dem VfL Wolfsburg den DFB-Pokal und führten den Klub in die Champions League, zuletzt arbeiteten Sie erfolgreich bei Borussia Mönchengladbach. Hat Sie denn keiner im Bekanntenkreis vor dem HSV gewarnt?
Viele haben gefragt: ‘Warum tust Du Dir das an? Wieso jetzt den HSV? Die liegen doch am Boden.’ Hinzu kamen die vielen negativen Meldungen nach dem verpassten Aufstieg. Aber das ist nie mein Ansatz gewesen. Ich schaue immer: Wo sehe ich eine große Herausforderung? Wo kann ich mit meiner Art etwas bewegen? Und da gab es viele Ansatzpunkte für mich zu sagen: Das könnte richtig gut werden. Wir müssen aber immer auf der Hut sein und weiter an uns arbeiten. Bislang bereue ich keinen Tag, den ich hier in Hamburg bin. Es macht riesigen Spaß. Der sportliche Erfolg macht es natürlich einfacher.
13 von 15 möglichen Punkten, mehr Tore, mehr gewonnene Zweikämpfe, eine größere Laufleistung, Tabellenführer - die Zahlen sprechen für sich. Wo ist Luft nach oben?
Stillstand ist Rückschritt. Du darfst nie Ruhe geben. Wir müssen uns ständig weiterentwickeln, auch im spieltaktischen Bereich. Die Mannschaft ist aber sehr wissbegierig und hört sehr gut zu. Auch in der Transferperiode haben wir sehr gut gearbeitet. Das ist ein Mix, der mich sehr positiv stimmt. Es gibt im Moment wenig, das ich kritisieren kann. Aber wir dürfen jetzt in keinster Weise nachlassen.
So war's im Frühjahr bei St. Pauli: Ein Clown findet sich lustig. Foto: Imago / Sven Simon
Herr Hecking, nun steht das Duell beim FC St. Pauli an. Für die Fans sind es die wichtigsten Spiele der Saison. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in Ihr erstes Stadtderby?
Es herrscht eine riesige Vorfreude bei mir. Das sind Spiele, für die du auch als Trainer arbeitest. Die Stimmung wird überragend sein. Ich kenne die Rivalität dieser beiden Vereine, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Und trotzdem gibt es bei den Verantwortlichen mehr miteinander als gegeneinander. Das hat man zuletzt in der Causa Jatta gesehen. Wenn es jetzt noch fair bleibt auf dem Platz und auf den Rängen, wäre es überragend. Das wäre dann auch Werbung für die Stadt und für die Vereine. Das ist mein persönlicher Wunsch.
Die Bilder vom letzten Duell, das wegen diverser Pyro-Technik mehrfach kurz vor dem Abbruch stand, werden seit Tagen rauf und runter gespielt. Die Polizei wird das Spiel am Montag mit einem Großaufgebot begleiten, Uwe Seeler sprach von einem ‘Pyro-Scheiß’. Wie sehen Sie das?
Es ist in deutschen Stadien nicht erlaubt. Es ist gefährlich, deswegen bin ich auch strikt dagegen. Trotzdem bin ich nicht naiv. Dass am Montag keine Pyro im Stadion sein wird, kann ich mir nicht vorstellen. Es wird bestimmt dazu kommen. Aber was keiner sehen will, sind permanente Spielunterbrechungen wegen Pyro. Das ist nicht das, was der Fußball-Fan sehen will.
Gibt es von Ihnen einen Appell?
Ich als Cheftrainer wünsche mir einfach sportliche Rivalität auch auf den Rängen. Es wäre überragend, wenn es ohne Pyro ausgehen würde. Aber mein Realismus sagt mir, dass wir sicherlich das eine oder andere Bengalo sehen werden.
Fakten zum Hamburg-Derby Fakten zum Hamburg-Derby
Herr Hecking, zuletzt gewann der HSV 4:0 bei St. Pauli und feierte eine wilde Derby-Party, anschließend wurde der Aufstieg verspielt. Welchen Stellenwert hat die Partie rein sportlich für Sie und Ihr Team?
Wir wollen die drei Punkte mitnehmen, um unseren guten Saisonstart auszubauen und vielleicht schon eine kleine Lücke zu reißen zu den Mannschaften, die hinter uns stehen. Das ist unsere Aufgabe für das Derby und unsere Herausforderung. Der Derbysieger kann ein halbes Jahr lang beruhigt durch die Stadt laufen, der Verlierer bekommt die Schadenfreude zu spüren. Da können bei aller Rivalität aber auch beide Vereine gut mit umgehen.
Würden Sie Geld wetten auf einen HSV-Aufstieg?
Ich wette generell nicht. Wir sind zu früh in der Saison. Das sage ich jedem, der mir oder den Spielern auf die Schulter klopft. Wir spüren eine gewisse Euphorie, und das ist schön. Das war ja zum Ende der letzten Saison nicht so. Das haben wir ein bisschen gedreht. Aber Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit sind die ersten Gegner, die wir erstmal ausschalten müssen. Wenn wir das hinbekommen und dazu lange gierig sind, könnten wir am Ende etwas zu feiern haben.
Können Sie sich eine lange Tätigkeit in Hamburg vorstellen?
Ich bin keiner, der von Verein zu Verein springt. Ich glaube schon, dass es über einen längeren Zeitraum gehen kann. Aber das Momentum zählt auch für einen Trainer. Und im Moment macht es richtig viel Spaß, hier in Hamburg zu sein.
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Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Thomas Müller! Und dann?
Von Alex Steudel
Es ist ein ja leider bisschen untergangen am Samstagabend: Der Top-Nachwuchsspieler des Duells RB Leipzig gegen FC Bayern (1:1) hieß Thomas Müller.
Der Mann ist 30 Jahre alt. Er hat bestimmt schon erste graue Haare, und war doch der einzige unter allen 28 eingesetzten Akteuren, der aus der eigenen Jugend eines der beiden Klubs kommt. (Okay, sein Bayern-Kollege David Alaba verletzte sich beim Warmmachen. Er ist aber auch schon 27.)
Natürlich war das Spiel toll, aber für mich war es “gekauft”, und das finde ich traurig. Mir bereitet nämlich ein Aspekt beim Fußball besonderen Spaß: Sehe ich, dass es einem Verein gelungen ist, auf dem eigenen Trainingsplatz einen 16-Jährigen zum 19 Jahre alten Jungstar zu formen, der auch noch bei dem Klub bleibt, der ihn großgezogen hat, schaue ich doppelt so gern zu. Und wenn der Spieler womöglich noch aus der Gegend kommt, dreimal so gern. Ich denke dann: Kaufen kann jeder, Ausbilden ist die hohe Schule.
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Überall lese ich, dass das Nachwuchsleistungszentrum der Bayern knapp 100 Millionen Euro gekostet hat und die Nachwuchsarbeit von RB Leipzig spitzenmäßig vorbildlich ist, aber ich würde jetzt gern auch mal entsprechende Ergebnisse sehen. Mir reicht ja schon EIN junger Spieler, der es in die Stammelf schafft. Wenigsten einer! Aber die Kader waren am Samstag bis auf Müller komplett nachwuchsarbeitslos, die kamen alle aus dem Einkaufswagen, und das ist bitter bei 39 (!) Mann auf Platz und Bank.
Woran das liegt? Mutlosigkeit der Trainer, mangelnde Qualität der Spieler? In Leipzig, heißt es, haben sie das Problem, dass die Nachwuchsarbeit auf Pressing ausgelegt ist und die Profimannschaft Ballbesitzfußball spielt – da passt dann eben keiner rein. Und so passiert es, dass Trainer Julian Nagelsmann (sinngemäß) sagt, er habe gegen Bayern erst zur Halbzeit umstellen können, weil er vorher so schnell keinen Sechser fand.
Natürlich gibt es sowas auch im Ausland, bei Juventus, PSG oder ManCity spielen auch zusammengekaufte Truppen; City-Trainer Pep Guardiola liebt es geradezu, wenn man ihm zu Saisonbeginn einen teuren Spieler-Bausatz hinlegt und sagt: So, jetzt zusammenbasteln, aber tiki-taka! Lustigerweise hat ausgerechnet er seine größten Titel allesamt mit einer Mannschaft voller Billig-Nachwuchsspieler gewonnen: dem FC Barcelona.
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Und bei Barca funktioniert es heute noch vorbildlich, die schaffen es Jahr für Jahr, auf höchstem Niveau eigene Leute einzubauen (die, klar, manchmal irgendwo hergeholt wurden, aber eben in viel jüngerem Zustand). Am Samstag, beim 5:2 gegen Valencia, rannten fünf Spieler aus der Nachwuchsakademie La Masia über den Rasen: Piqué (32), Alba (30), Busquets (31), Perez (21), Fati (16). Die haben quasi nix gekostet und sind heute 170 Millionen wert – wenn nicht sogar mehr, Fati hat schon das zweite Tor in seinem dritten Ligaspiel geschossen, was den Marktwert (25 Mio.) wahrscheinlich nochmal auf die Schnelle verdoppelt hat.
Von Klubs wie Amsterdam, Tabellenerster in Holland, oder Bilbao, Vierter in Spanien, will ich gar nicht erst anfangen – oder naja, gut, vielleicht doch: Ajax hat im Sommer Spieler für 200 Millionen verkauft, die meisten haben sie selbst ausgebildet, und bei Atletic standen am Freitag zehn (!) Männer auf dem Platz, die mal in der eigenen Jugend oder im B-Team gekickt haben.
Auch Real Madrid, Borussia Dortmund (je zwei Spieler am Wochenende) und Champions-League-Sieger FC Liverpool kriegen es ja hin, Jürgen Klopp schickte beim 3:1 gegen Newcastle Trent Alexander-Arnold auf den Platz: Der ist 20 und spielt für die Reds, seit er sechs ist. Herrlich!
PS: Während ich diese Kolumne tippe, setzt sich der SC Freiburg mit einem 3:0 in Hoffenheim auf Platz 3 und damit vor die Bayern. Anzahl der gegen die TSG eingesetzten SC-Profis aus dem eigenen Nachwuchs: vier.
Alle mal herschauen!
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