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Schlappe gegen Holland: Muss Hummels zurückkehren?

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Freitagmittag saß ich Fußballmanager Andreas Rettig im Büro gegen
 

Fever Pit’ch

7. September · Ausgabe #228 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Freitagmittag saß ich Fußballmanager Andreas Rettig im Büro gegenüber. Interview zu seinem Abschied von St. Pauli. Meine allererste Frage: Machte es jemals Spaß, den Leuten im deutschen Fußball auf den Sack zu gehen?
Andreas Rettig schnappte nach Luft und schoss bei seinen Antworten munter zurück. Als ich ihm Sozialismus bei seinen Ansichten unterstellte, sagte er: “Dafür bist du zu einfach gestrickt. Ich erkläre es dir jetzt.”
Unser Thema: die Zukunft des Klubfußballs. Er schilderte sehr anschaulich, warum die Bundesliga an einer Weggabelung steht. Ich provozierte ihn: Warum er eigentlich nie etwas gewonnen hat, wenn er alles so genau weiß.
So ging das eine halbe Stunde lang hin und her. Um es kurz zu machen: Das Gespräch hat uns beiden einen Heidenspaß bereitet. Und das Beste: Wir haben es als Podcast aufgezeichnet. Wer’s hören will: Hier klicken!
Ein komplementäres Wochenende wünscht
Euer Pit Gottschalk

Schlappe gegen Holland: Muss Hummels zurückkehren?
Da rappelt es zum ersten Mal im deutschen Tor: Jonathan Tah kommt zu spät gegen Frenkie de Jong. Foto: Imago / Sielski
Diese Perspektiv-Generation muss noch viel lernen
Von Pit Gottschalk
Das letzte Mal, dass die deutsche Nationalmannschaft in einem Pflichtspiel zu Hause vier Gegentore kassierte*, ist jetzt sieben Jahre her. Das legendäre 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden ist unvergessen. Freitagabend hat’s Deutschland wieder erwischt: Vier Dinger in Hamburg - 2:4 gegen die Niederlande. Doch diesmal ist eine Sache entscheidend anders.
Damals, beim Unentschieden gegen Schweden, hatte die Löw-Mannschaft auf Schongang umgestellt und kam aus dem Orkan, den Schweden plötzlich entfachte, nicht mehr heraus. Das Länderspiel ging als Betriebsunfall in die Geschichtsbücher ein und störte die WM-Qualifikation nicht weiter. Das 2:4 von Hamburg hat dagegen weitreichende Folgen.
Zum einen darf sich Bundestrainer Joachim Löw beim nächsten EM-Qualifikationsspiel am Montag in Nordirland keinen weiteren Ausrutscher leisten. In einem Uefa-Wettbewerb zählt nicht die Tordifferenz, sondern der direkte Vergleich. Den hat die Niederlande mit 2:3 und 4:2 gewonnen. Aus eigener Kraft kann Deutschland nicht mehr Gruppenerster werden.
Deutschland mit herben Dämpfer auf dem Weg zurück an Spitze Deutschland mit herben Dämpfer auf dem Weg zurück an Spitze
Zum anderen steht Nordirland mit zwölf Punkten aus vier Spielen tadellos an der Tabellenspitze. Weil nur die zwei Tabellenersten aus der Qualifikationsgruppe C zur EM 2020 dürfen, wäre eine Niederlage ein Rückschlag, um zumindest den zweiten Gruppenplatz zu erreichen. Die Mannschaft ist gewarnt - sie macht zu viele Abwehrfehler.
Noch kann Bundestrainer Löw argumentieren, dass der Umbruch noch nicht zu einer Reife führen konnte, wie es die Niederländer “mit zwei, drei Jahren Vorsprung” vorgemacht haben. “Die Mannschaft ist besser eingespielt, das hat man schon gesehen”, sagte Löw und gab zu: “Unsere Niederlage mit diesem Ergebnis war verdient.”
Zur Unreife gehört, dass sich die Innenverteidigung mit Niklas Süle in der Mitte sowie Matthias Ginter und Jonathan Tah an der Seite Stellungs- und Abspielfehler leisten. “Zu viele”, wie Löw befand. Schon holt ihn seine Entscheidung vom Jahresbeginn ein, als er Deutschlands besten Abwehrchef aussortiert hat - Mats Hummels. 
2:4! Spiel gedreht, Deutschland besiegt 2:4! Spiel gedreht, Deutschland besiegt
War das Hummels-Aus womöglich ein Fehler? Löw wird diese Frage immer verneinen. Seine Kritiker sind da weniger zurückhaltend. Hummels, inzwischen 30 Jahre alt und zum BVB zurückgekehrt, verströmt die Aura des Unerschütterlichen. Doch um es eindeutig zu formulieren. Seine Rückkehr zur Nationalmannschaft wäre ein Fehler. Aus drei Gründen.
  • Erstens: Hummels spielt nicht mehr so sicher, wie es seine Reputation verheißt. Auch er hatte beim 1:3 gegen Union in der Bundesliga keine passende Antwort auf die schnelle Spielweise des Gegners. Sein Stellungsspiel war ebenfalls fehlerhaft.
  • Zweitens: Den dreien, die jetzt das 2:4 gegen Holland mitverschuldet haben, gehört die Zukunft - sie sind 23 bis 25 Jahre alt. Wann sollen sie höchstes Niveau lernen, wenn nicht gegen Weltklasse-Spieler? Eine konstruktive Fehlerkultur gehört zur Lernkurve dazu.
  • Drittens: Wenige Monate vor dem EM-Start käme eine Hummels-Rückkehr in die Nationalmannschaft einer Bankrotterklärung des Trainers gleich. Löw hat den Schritt so vehement verteidigt, dass jede Abweichung vom Kurs sein Ende einleiten würde.
Überall Eigentore Überall Eigentore
Berti Vogts, Bundestrainer von 1990 bis 1998, hatte mit der Revidierung seiner Personalentscheidungen weniger Probleme. Mehrfach holte er vor Weltmeisterschaften aussortierte Spieler zurück, zum Beispiel Lothar Matthäus. Gebracht hat es ihm nichts. Gewonnen hat er nur, als er seinen Weg ohne Comebacks weiterging. Zum Beispiel vorm EM-Sieg 1996.
Zur Ehrenrettung sei gesagt: Vogts hatte keine Wahl. Es gab keine besseren Spieler als die, die er zurückgeholt hat. Löw hat mehr Auswahl. Antonio Rüdiger wird seine Verletzung auskurieren und mit Niklas Süle ein Bollwerk bilden. Was die tapsigen Verteidiger von Hamburg jetzt brauchen, ist etwas, das die Deutschen ungern aufbringen: etwas Geduld.
"Tatü TAH TAH! Jetzt hat Deutschland den EM-Alarm" "Tatü TAH TAH! Jetzt hat Deutschland den EM-Alarm"
*Jenes 4:4 damals gegen Schweden war der Ausrutscher in einer Qualifikation, die am Ende nicht nur zur WM-Teilnahme 2014 führte, sondern mit dem Weltmeistertitel in Rio de Janeiro sogar einen krönenden Abschluss erlebte. Da tat das 2:4 ein paar Wochen später gegen Argentinien danach nicht weh. Die Final-Revanche in Düsseldorf war nur ein Testspiel und kein Pflichtspiel.
Heute im Fernsehen
18 Uhr, DAZN: England - Bulgarien
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