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Nach dem DFB-Aus: Erste Prüfung für die Bayern-Stars

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Als kleiner Junge habe ich nicht verstanden, dass Franz Beckenbau
 

Fever Pit’ch

9. März · Ausgabe #98 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Als kleiner Junge habe ich nicht verstanden, dass Franz Beckenbauer bei der WM 1978 nicht dabei war. Der Kaiser, 1974 Kapitän der Weltmeister-Elf und des FC Bayern, spielte inzwischen bei Cosmos New York. Ein ungeschriebenes Gesetz des DFB verbot seinerzeit, dass Spieler, die ins Ausland gewechselt waren, weiter für Deutschland auflaufen. Die Regel galt sogar für ihn, damals Rekordnationalspieler mit 103 Länderspielen, und kam mir als Bub so sinnlos und bescheuert vor, dass ich Beckenbauer fast vierzig Jahre später bei einer Gelegenheit fragte, warum er nicht opponiert habe. Er sagte: Das habe er getan und die Nominierung sogar vorbereitet. Aber eine Mischung aus Stolz, Überheblichkeit und Eigensinn an der Verbandsspitze um Hermann Neuberger habe den entscheidenden Telefonanruf in die USA verhindert, um die Freigabe doch noch zu bekommen. Mehr als drei WM-Turniere hat Beckenbauer deshalb nicht gespielt.
Ich bin deshalb sehr gespannt, wie man irgendwann auf den Abgang der drei Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng zurückblicken wird. Die Emotionen schlugen bei diesem Thema so hoch, dass ich sage: Ein Richtig oder Falsch, Schwarz oder Weiß, gibt es nicht. Wenn ich also im Wochenrückblick eine dezidierte Meinung formuliere, dann tue ich dies im Bewusstsein, dass die gegenteilige Meinung ebenso begründbar ist. Zur Meinungsbildung bei Fever Pit'ch gehört auch, dass andere Perspektiven in Form von Links mit nur einem Klick erreichbar sind.
Ein stichhaltiges Wochenende wünscht
Euer Pit Gottschalk

Nach dem DFB-Aus: Erste Prüfung für die Bayern-Stars
Der Bundestrainer wirft drei Weltmeister raus: Musste das sein?
Wann ist der richtige Zeitpunkt, dass der Bundestrainer einen verdienten Nationalspieler abservieren darf? Und vor allem: Wie teilt man dem Spieler am besten mit, dass er bei Länderspielen nicht mehr berücksichtigt wird? Die Woche endet ohne Antworten.
Seit Dienstag, als Joachim Löw gleich drei Weltmeister von 2014 verbannte, erschüttern die zwei Fragen den deutschen Fußball so massiv in seinen Grundfesten, dass nicht mal mehr die Demission des Bundestrainers am Ende dieser Debatte ausgeschlossen werden kann.
Was man bisher weiß: Löw hat sich mit Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels in München zu einem knappen, aber persönlichen Gespräch auf der Geschäftsstelle des FC Bayern getroffen. Das Ergebnis der Unterredungen stand vorher fest: Ihre DFB-Karriere ist beendet.
In einer fast zeitgleichen Pressemitteilung beeilte sich der Verband mit seiner öffentlichen Danksagung, was die Endgültigkeit von Löws Personalentscheidung unterstreichen sollte. Einen Weg zurück gibt es nicht. DFB-Präsident Reinhard Grindel begrüßte den Umbruch öffentlich.
Was ein Trainer tun muss
Die Bayern mitsamt ihren Spielern sind dagegen wütend, weil die deprimierende Nachricht des Bundestrainers nicht nur das Titelrennen in der Bundesliga beeinflussen, sondern auch die Vorbereitung auf das Liverpool-Rückspiel in der Champions League am Mittwoch stören könnte.
Das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg heute wird ein Lackmustest für die drei Bayern-Stars. Löw kann nur verlieren. Jede Verunsicherung am Ball wird auf ihn zurückgeführt. Jede gute Aktion provoziert die Rückmeldung: Und der soll nicht mehr gut genug sein?
Acht Monate nach der WM-Blamage von Russland wollte der DFB eigentlich eine größere Aufbruchstimmung erzeugen, als sie allein mit dem Abschied von Sami Khedira und Mesut Özil im Sommer zu erreichen war. Neue Köpfe, neue Mannschaft, neue Erfolge: Löw setzt voll auf Angriff.
„Vielleicht würden es McKinsey oder Ernst & Young auch auf dieser Art handhaben“, stellte Die Zeit Parallelen zu Unternehmensberatungen fest, „man kann ein solches Vorgehen professionell nennen.“ Wie viel Professionalität aber will der deutsche Fußball?
„Für Müller hätte die Tür offen bleiben müssen“
Noch im Sommer hatte man von Löw den großen Schnitt in der Nationalmannschaft gefordert. Jetzt wagt er den Wechsel endlich - und spürt das Pressing von allen Seiten. Der Streit um Stilfragen kann ein Nebenkriegsschauplatz sein, wenn Gegenargumente zur Sache fehlen.
Die Personalien gewannen dadurch an Wucht, dass die Spielergeneration von heute einer Autorität, wie sie ein Sportvorstand wie der DFB ausstrahlen will, nicht mehr gehorcht und sich zu wehren weiß. Fast hat man den Eindruck: Der DFB unterschätzt die Kraft der Sozialen Netzwerke.
Inzwischen weiß man: Die Offensiv-Taktik des DFB ist gescheitert. Über seine Sozialen Netzwerke erzeugte der betroffene Thomas Müller so viel mediales Pressing, dass der Verband in Erklärungsnot rutschte. Dass Löw die besseren Argumente hat, spielt plötzlich keine Rolle mehr.
„Ein Bundestrainer muss sportliche Entscheidungen treffen, absolut. Das stelle ich auch überhaupt nicht in Frage. Allerdings: Je länger ich drüber nachdenke, macht mich die Art und Weise, wie das Ganze abgelaufen ist, einfach sauer“, motzte Thomas Müller wirksam.
Stillos und ohne Anstand
„Und wenn dann, kurz nachdem wir von der Entscheidung vom Bundestrainer erfahren, vorgefertigte Statements seitens des DFB und des DFB-Präsidenten an die Presse rausgegeben werden, dann ist das aus meiner Sicht kein guter Stil und hat mit Wertschätzung nichts zu tun.“
Der Branchendienst „Meedia“ addierte genüsslich Müllers Reichweite im Internet: 2,66 Mio. Menschen habe seine Video-Botschaft in den ersten 20 Stunden erreicht. Der DFB und seine altbackenen Berichtswege schienen völlig überrumpelt zu sein.
Kaum Luft geholt, legte der nächste Spieler nach. „Unabhängig von der aus meiner Sicht schwer nachvollziehbaren sportlichen Entscheidung (die ich natürlich respektiere), stößt bei mir die Art und Weise auf Unverständnis“, ließ Mats Hummels seine fast 2,2 Mio. Fans auf Twitter wissen.
Was er schrieb, war Emotion pur. “Thomas, Jerome und ich haben jahrelang alles für die Nationalmannschaft gegeben”, schrieb Hummels weiter, “und dieser Umgang wird dem, was wir geleistet und erreicht haben, in meinen Augen nicht gerecht.”
DFB-Werbung - noch immer mit Hummels
Ein Blick in die Statistik hätte genügt, um die Löw-Entscheidung nachvollziehen zu können. Der Verschleiß bei Thomas Müller ist nicht zu übersehen: Fast 60 Spiele jährlich machte er seit 2009. Die richtig guten sind schon eine Weile her. Sechs Tore schoss er diese Saison erst.
Löw hat in seiner Analyse zum WM-Desaster erkannt: Der Ballbesitzfußball, den er jahrelang auf Müller zugeschnitten hatte, ist nicht mehr erfolgreich. Weltmeister Frankreich ist das Vorbild: Abwehr dichtmachen und mit Mann und Maus blitzschnell nach vorne - so will er spielen lassen.
Dazu passt Müllers barocke Spielweise so wenig wie die Behäbigkeit der zwei Innenverteidiger Boateng und Hummels. Niklas Süle, Antonio Rüdiger und Thilo Kehrer, ihnen gehört hinten die Zukunft, und vorne Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané. 
Wann will Löw die neuen Generation in die Verantwortung bringen, wenn nicht jetzt? Zehn Länderspiele bleiben Löw 2019, um eine Truppe für die EM nächstes Jahr aufzubauen. Sein Vertrag läuft bis zur WM 2022: Auch er steht beim DFB und öffentlich unter Erfolgsdruck.
"Es wird einen Kommentar von mir geben"
Hätte er die Personalmaßnahmen im Sommer vollzogen: Man hätte es ihm als Panik ausgelegt. Nach dem letzten Länderspiel im November: Dann als Strafaktion für die verkorkste Nations League. Nun drängt die Zeit: Deutschland bestreitet am 20. März den ersten Test gegen Serbien.
Was die Kritik gefährlich macht: Löw findet kaum Gehör für seine Argumente. Das ist in zweierlei Hinsicht erstaunlich. Erstens: Seine Bilanz mit 110 Siegen und 32 Unentschieden in 171 Spielen ist hervorragend. Zweitens: Als Weltmeister-Trainer bekommt er keinen Vertrauensvorschuss.
Unterschätzen sollte man Joachim Löws Durchsetzungswillen nicht. Er ist seit 13 Jahren Bundestrainer. Seine Opferliste ist mit Michael Ballack, Torsten Frings und Kevin Kuranyi prominent bestückt. Zeitpunkt und Stilfragen waren ihm jedesmal wurscht.
Der Spiegel bemerkte in einem Kommentar treffend, dass die Aufregung um Sami Khediras Abgang bei weitem nicht den Protest auslöste wie jetzt die Ausbootung der drei aktuellen Spieler. Die Vermutung, die dahinter steckt: “Aber er spielt ja auch nicht bei Bayern München.”
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