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Situation auf Schalke ist untragbar geworden

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Wenn man seit vier Monaten fast täglich die wichtigsten Fußballth
 

Fever Pit’ch

21. Februar · Ausgabe #84 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Wenn man seit vier Monaten fast täglich die wichtigsten Fußballthemen analysiert, einordnet oder kommentiert, freut man sich über jede Form von Reaktionen. Nicht wenige Leser von Fever Pit'ch schreiben mir: Ich möchte gerne meine Meinung zu diesem oder jenem Thema hinzufügen. Zum Beispiel Michael Siedenhans, Chefredakteur bei der Bertelsmann-Tochter Territory CTR in Gütersloh. Er nahm meinen Report zu den Wirtschaftszahlen der Bundesliga zum Anlass, die zunehmende Belastung für den Fußballfan darzustellen. Man muss seine Meinung nicht teilen. Aber Meinungsvielfalt kann ein belebendes Element für einen Newsletter wie Fever Pit'ch sein: ein Denkanstoß. Seinen Kommentar findet Ihr unten.
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Einen sendungsbewussten Donnerstag wünscht
Euer Pit Gottschalk

Situation auf Schalke ist untragbar geworden
So richtig bejubeln mag Leroy Sané sein Freistoßtor nicht. Foto: Imago/Jan Huebner
So richtig bejubeln mag Leroy Sané sein Freistoßtor nicht. Foto: Imago/Jan Huebner
Champions League: Ausgerechnet Leroy Sané schockt Schalke 04
Wozu Schalke 04 in der Lage ist, wenn alle Kräfte gebündelt auf ein Ziel ausgerichtet sind, haben Mannschaft und Trainer am Mittwochabend in der Veltins-Arena gezeigt. Eine Sensation lag in der Luft: Schalke brachte die Übermannschaft von Manchester City an den Rand einer Niederlage.
Nach dem 2:3 im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League sind die Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale zwar minimal. Aber mit einem Weiterkommen hatte man eh seit der Auslosung nicht gerechnet. Dankbar applaudierte das Publikum für die Leidenschaft auf dem Rasen.
Schalke hätte also allen Grund, das Beste aus dem Spiel zu ziehen und den Krampf in der Bundesliga zu beenden. Seit Wochen krebst das Team von Trainer Domenico Tedesco im Niemandsland der Tabelle herum. Aktuell auf Rang 14, übrigens. Samstag geht’s nach Mainz.
Schalke 04 zerbricht gegen Manchester City
Mainz - das ist das Stichwort. Von dort kam Sportvorstand Christian Heidel vor drei Jahren, um Schalke zu modernisieren. Doch sein Interview in der Süddeutschen Zeitung, als er Bedingungen für seine Vertragsverlängerung ab 2020 nannte, schlägt immer noch Wellen. Haushohe Wellen.
Wie ein gefesselter Riese liegt Schalke seit Wochen am Boden. Irgendwo, irgendwie zieht immer einer die Seile fester, damit der Riese nicht aufsteht und losläuft. Die Diskussion dreht inzwischen Richtung Heidel-Nachfolge. Klaus Allofs, früher Werder Bremen, wollte das Interesse nicht mal leugnen.
Die Situation auf Schalke ist untragbar geworden. Wie soll die dritte Kraft hinter Bayern und BVB jemals dauerhaft an der Bundesliga-Spitze bleiben, wenn niemand ein Machtwort spricht und sagt, was Sache ist. Die wichtigste Personalie verschwindet im Nebel der Spekulationen.
Sowas lähmt einen Verein. Alle tasten sich in diesem Nebel vorsichtig voran, keiner will seinen Fuß falsch setzen. Langsamkeit ist aber das Letzte, was Schalke braucht. Heidel hat alles umgekrempelt, damit die Bedingungen wieder auf Bundesliga-Niveau sind. Das Tempo muss er halten. Darf er?
Strafstöße, Ampelkarte und böses Erwachen
Man weiß es eben nicht. Tagelang war er nach dem SZ-Interview untergetaucht, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Stellungnahmen zur Situation gibt es zur Stunde nicht. Clemens Tönnies, der Aufsichtsratschef: schweigt. Peter Peters, Finanzvorstand: schweigt.
Allein dieses kollektive Schweigen ist verdächtig. Ungehindert wird spekuliert, dass Jonas Boldt als Sportchef aus Leverkusen kommt. Ob als erster oder zweiter Mann, unter oder für Heidel, bleibt im Raum stehen. Schalke äußert sich nicht. Im Sommer finden Wahlen zum Aufsichtsrat statt.
Stattdessen wird hoch- und runtergerechnet, ob Heidel zu viel Geld in zu viele falsche Spieler gesteckt hat. Das Spiel gegen Manchester City hat gezeigt: Die Mannschaft taugt etwas. Aber wenn der Verein seine Kräfte so verschleudert, liefert man Spielern Ausreden frei Haus, wenn’s nicht läuft.
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Bitte, kein teurer Firlefanz mehr!
Von Michael Siedenhans
„Papa, Toni Kroos verdient am Tag 50.000 Euro. Verdienst du auch so viel?“ Vor einem Jahr stellte mein Sohn mir diese Frage. Ich war perplex und sprachlos. Hätte ich ihm ehrlich geantwortet, wäre ich für meinen Sohn vermutlich ein „Lauch“ – ein Trottel, ein Idiot –, weil ich weder in der Woche noch im Monat so viel verdiene wie der Star von Real Madrid täglich. Das gilt übrigens für die meisten Bundesbürger. Der deutsche Arbeitnehmer verdient nämlich im Durchschnitt 46.888 Euro brutto – im Jahr!
Das ist nicht schlecht, aber nur ein Brotkrümelchen im Vergleich zum Gehalt eines Bundesligaspielers. Jeder der 550 Bundesliga-Profis verdient laut dem aktuellen DFL-Wirtschaftsreport im Schnitt 2,2 bis 2,4 Mio. Euro im Jahr, also stolze 200.000 Euro monatlich. Bei dieser Summe werden selbst Chefärzte und Sparkassendirektoren blass vor Neid. Und schon wären wir mitten drin – in dieser unsäglichen Neiddebatte, auf die Michael Rummenigge schon vor mehr als 30 Jahren nonchalant reagierte: „Von Ihnen gibt es wahrscheinlich 50.000 in Deutschland, von uns vielleicht 500, die in der Bundesliga spielen können. Das ist halt ihr Problem, wenn sie keine Spitzenleistungen bringen.“
Der unerfahrene, rotzfreche Jungprofi wurde dafür mächtig abgemeiert. Zu recht! Heute ist die Wortwahl eleganter und geschmeidiger: Manche Gehälter seien tatsächlich schwer nachvollziehbar, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert dem Handelsblatt. „Den Marktkräften ist wenig entgegenzusetzen, solange es in Europa keinen Gehaltsdeckel gibt. Und es gibt nun mal insbesondere in Südeuropa einige Präsidenten großer Klubs, die träumen von der sportlichen Weltherrschaft. Die lassen sich das etwas kosten.“
Hört, hört, es geht also nicht nur um das freie Spiel der Kräfte, sondern sogar um die sportliche Weltherrschaft. So ein Schmarrn! Es geht auch nicht um Neid, sondern schlicht um die Frage: Woher stammt eigentlich das Geld, das die deutschen Klubs nach dem Motto „Als gäb’s kein Morgen mehr“ für Gehälter ausgeben, die Verständnislosigkeit, ja sogar Wut, bei vielen auslösen, die täglich für ein positives Bruttosozialprodukt sorgen?
Als offizielle Geldquellen werden TV- und Streaming-Einnahmen (1,25 Milliarden), die Eintrittsgelder (538 Millionen), die Werbung (882 Millionen), die Transfererlöse (645 Millionen) und das Merchandising (183 Millionen) genannt. Aber stimmt das eigentlich? Sind das nicht alles Gelder, die still und heimlich aus den Taschen der Fußballfans gezogen werden, die brav ihre GEZ-Gebühren und Abonnements für Sky, DAZN, Eurosport zahlen, ihrem Sohn das neueste Trikot kaufen, die Dauerkarte für die nächste Saison schon bestellt haben und sich alle paar Jahre ein neues Auto gönnen? Ganz nebenbei bezahlen sie mit ihren Steuern die Einsätze der Landes- und Bundespolizei an den Spieltagen oder retten Klubs vor der Insolvenz, weil Kommunalpolitiker dafür auch mal gern in die Stadtkasse greifen.
Und wie reagiert darauf der millionenschwere Fußballprofi? Nicht immer mit Spitzenleistungen, dafür immer öfter mit einer Arbeitseinstellung, die jedem Arbeitsrechtler die Zornesröte ins Gesicht treiben würde – mal durch Nichterscheinen beim Training, mal durch einen verlängerten Winterurlaub oder, um es auf die Spitze zu treiben: durch unentschuldigte Abwesenheit! Vergoldete Lamborghinis oder nächtliche Pokertouren sind dagegen Kinkerlitzchen. Offenbar gehören sie zum glamourhaften Leben eines Jung-Millionärs dazu. Man kann es sich ja erlauben, solange die Klubs das finanzieren.
Doch so blöd ist der Fußballfan auch nicht. Er registriert, wie sein Geld verschwendet wird, und wendet sich ab! Die erste Anzeichen dafür sind zunehmend leere Ränge in den Stadien, sinkende Erlöse aus dem Fanartikelgeschäft und – oh Wunder! – die Forderung von Karl-Heinz Rummenigge, dass die Champions League ins Free-TV zurückkehren soll. Der Grund: die Sponsoring-Verträge. „Die werden aber bei einem Zuschauerrückgang von 84 Prozent in Deutschland nicht mehr ausreichend bedient“, sagte der Bayern-Boss der Sport-Bild. Mit anderen Worten: Der Fan ist nicht mehr bereit – ob direkt als zahlender Zuschauer im Stadion oder indirekt als zahlender Abonnent eines Streamingdiensts – für weniger Leistung auf dem Platz, aber mehr Firlefanz nach dem Schlusspfiff zu zahlen.
Michael Siedenhans ist Chefredakteur bei der Bertelsmann-Tochter Territory CTR in Gütersloh.
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