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So erlebte ich als Fußballreporter das erste Geisterspiel

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Paris St. Germain erreicht in der Champions League das Viertelfin
 

Fever Pit’ch

12. März · Ausgabe #361 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Paris St. Germain erreicht in der Champions League das Viertelfinale, obwohl keine Zuschauer zum Achtelfinalrückspiel gegen Borussia Dortmund (2:0) im eigenen Prinzenparkstadion zugelassen waren. Der FC Liverpool dagegen scheidet gegen Atletico Madrid aus, obwohl die Anfield Road im Rückspiel (2:3 n.V.) ihre komplette Magie entfalten durfte.
Es kann also ausgeschlossen werden, dass das Corona-Virus schuld daran war, dass die Deutschen aus Dortmund und der Deutsche in Liverpool, beiderseits Seelenverwandte, vorzeitig in der Königsklasse gescheitert sind. Man muss es so sagen: Es war eigene Dusseligkeit. Alle drei Gegentore, die der BVB in Hin- und Rückspiel kassierte, entsprangen Abwehrschnitzern.
Nicht anders Liverpool. Mit zwei Toren führte das Team von Trainer Jürgen Klopp zu Beginn der Verlängerung, als Ersatztorwart Adrian mit einem Abspielfehler die Wende einleitete. Der Titelverteidiger: damit überraschend und nach zwei Niederlagen in Hin- und Rückspiel verdient ausgeschieden. Niemand sollte sich darüber beschweren.
So grausam der Schwarze Mittwoch aus deutscher Sicht auch verlief: Es war ein Stück Normalität, dass die einen gewinnen und die anderen verlieren. Platz für Ausreden blieben nicht. Vielleicht haben wir zum letzten Mal für lange Zeit diese Normalität erlebt. Das Bundesliga-Wochenende wird komplett ohne Zuschauer stattfinden.
Womöglich kommt schon bald die Direktive, dass alle Spieltage ausgesetzt werden. Wer kann das zur Stunde schon sagen? Zwei Corona-Fälle sind jetzt im Profifußball bekannt geworden. Einer beim Zweitligisten Hannover 96 und einer bei Juventus Turin. Schon wird diskutiert: Sollte man nicht aus Vorsicht das EM-Turnier verschieben?
Am Montag werden die Bundesliga-Vereine auf einer Krisensitzung die Situation neu bewerten und die nächsten Schritte - in welche Richtung auch immer - vorbereiten. Immerhin muss ja für die Zeit nach Corona zum Beispiel herausgefunden werden, wer in der Champions League spielt. Aber wie will man das entscheiden? Gibt es nichts Wichtigeres?
Mit jedem Tag fällt es schwerer, an der Normalität festzuhalten. Man kann nur alle Beteiligten bewundern, dass sie nicht in Panik verfallen, weder die Funktionäre noch die Fans. Jeder spürt: Die Gesundheit geht vor. Die Frage ist nur: Reichen uns Geisterspiele, um die Saison irgendwie zu beenden? Oder sollten wir laut und hörbar “Stopp!” rufen? Ich weiß es nicht.
Einen gutgläubigen Donnerstag wünscht
Euer Pit Gottschalk

So erlebte ich als Fußballreporter das erste Geisterspiel
Patrick Berger über das Rheinderby Gladbach gegen Köln Patrick Berger über das Rheinderby Gladbach gegen Köln
Von Patrick Berger
Die Bundesliga hat aufgrund des grassierenden Corona-Virus sein erstes Geisterspiel hinter sich - und es war gruselig!
Eines vorweg: Ich bin kein Arzt oder Virologe und verbiete mir zu dem Thema eine klare Meinung. Die Gesundheit aller hat oberste Priorität. Eines ist für mich aber klar: Ohne Fans fehlt dem Fußball das Herz!
Mich gruselt es, wenn ich daran denke, dass das gesamte Bundesliga-Wochenende ohne Zuschauer ausgetragen wird. Als SPORT1-Reporter war ich beim 90. Rheinischen Derby, das Borussia Mönchengladbach letztlich mit 2:1 gegen den 1. FC Köln gewonnen hat, live dabei.
Stadionsprecher redete wie in einer Kirche
Was ich am Mittwochabend im Borussia-Park erlebt habe, war befremdlich. Wo sonst 54.022 Fans für überragende Derby-Atmosphäre gesorgt hätten, herrscht allerhöchstens Testspiel-Stimmung.
Neben den rund 60 Reportern sind 60 weitere Zuschauer dabei, die in den beiden Präsidenten-Logen sitzen (Offizielle und Vereinsmitarbeiter). In der leeren Nordkurve hängt ein Banner mit der Aufschrift “Holt den Derbysieg!”
Vor dem Anpfiff spielt der Klub die Hymnen “Die Seele brennt” und “Die Elf vom Niederrhein” über die Lautsprecherboxen. Der Stadionsprecher leitet ein: “Das geht auch von Zuhause aus - alle aufstehen.” Bizarr!
Derby ohne Gefühl
Um 18.24 Uhr verliest er die Mannschaftsaufstellung. Wo eigentlich die Spielernahmen mit einer höllischen Lautstärke aus den Fankehlen gerufen werden, herrscht gähnende Stille. Um 18.27 Uhr laufen die Mannschaften (ohne Einlaufkinder) ein. Vereinzelt klatschen ein paar Reporter und Funktionäre Beifall.
Das eigentlich so prestigeträchtige Derby verkommt zu einem langweiligen Kick – obwohl die 22 Mannen auf dem Rasen ein sehr gutes Spiel zeigen.
Ein Konter läuft über die linke Seite. Jetzt erheben sich eigentlich die Fans, grölen, fiebern mit, peitschen ihre Mannschaft nach vorne, schreien den Ball förmlich ins Tor. Stattdessen: Stille! Man hört nur die Kommandos der Spieler. „Verschieben!“ „Rausrücken!“ „Draufgehen!
Gespenstische Atmosphäre
Köln-Trainer Markus Gisdol: “Wenn du hörst, wie der Schiri mit dem Linienrichter kommuniziert, oder sich die gegnerische Bank Anweisungen gibt, dann ist das schon komisch.”
Gladbach-Coach Marco Rose brachte es bei Sky auf den Punkt: “Ohne Fans ist es nicht der Fußball, den wir uns alle wünschen. Wir wissen jetzt noch mehr, wie wichtig die Fans sind und hoffen, dass sie bald wieder dabei sind.”
Drei Reihen unter mir machen sich zwei Sicherheitskräfte eine Tüte Chips auf. Es kruschelt und raschelt wie im Kino. Im Stadion hört man die Funksprüche der Sicherheitskräfte. Zehn Meter weiter schaut sich ein Kollege ein Video auf dem Handy an - es ist unüberhörbar.
Mit Pyro vor der Nordkurve
Der Stadionsprecher gibt die Zuschauerzahl durch und sagt: “Es gibt heute keine!” Köln-Sportchef Horst Heldt sagte nach dem Spiel: “Das hat doch niemandem Spaß gemacht hier. Es ist wichtig, dafür zu kämpfen, dass wir Atmosphäre im Stadion haben.”
Stimmung gibt es dann aber doch noch. Rund 500 Gladbach-Fans haben sich draußen vor dem Stadion versammelt und feiern nach dem Schlusspfiff den Derbysieg. Sie zünden Bengalos und fordern die Mannschaft. Die tritt um 20.28 Uhr unter lauten „Derbysieger“-Gesängen vor die Fans.
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Von Matthias Becker
In Deutschland ist der Coronavirus für viele Fußball-Fans offensichtlich immer noch ein Witz. Wer sich während des ersten offiziellen Geisterspiels zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln auf Twitter tummelte, wurde mit schlauen Sprüchen überschwemmt. Hier und da unterbrochen von einem: „Das ist kein Fußball.“
Das mag sein. Das gespenstische Derby vom Mittwoch ist aber erst der Vorgeschmack auf das, was den Fußballfans in den kommenden Wochen und Monaten bevorsteht. Denn wenn sich die Fußball-Funktionäre tief in die Augen gucken, muss ihnen klar sein, dass die pan-europäische EM in diesem Sommer nicht zu halten ist!
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In der aktuellen Situation ist es unvorstellbar, eine Veranstaltung in zwölf verschiedenen europäischen Städten mit zehntausenden reisenden Fans durchzuführen. Alleine die unterschiedlichen Einreisebestimmungen aufgrund der Corona-Krise machen das fast schon unmöglich.
Und auch die Vernunft sagt, dass es nicht gehen wird, im Juni ein unbeschwertes Fußballfest zu feiern. Selbst wenn die Pandemie-Bekämpfung bis dahin perfekt läuft, wäre es unverantwortlich das Risiko dieser Massenveranstaltung einzugehen.
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Die Absage eines Großevents ist ein radikaler Schritt. Für alle, die am Geschäft Fußball beteiligt sind, hätte er spürbare Folgen. Aber in diesem Fall steht die Gesundheit über dem Geschäft.
Und für die Vereine und Verbände würde eine Verschiebung der EM den benötigten zeitlichen Spielraum schaffen, um ein geregeltes Ende der laufenden Saison zu planen. Denn was am Mittwoch auch klar wurde: Reine Geisterspieltage bis zum Saisonende kann niemand wollen.
Das raubt dem Fußball die Seele. Da wäre es besser, für einen Zeitraum die Spiele auszusetzen in der Hoffnung, die Partien dann im freigewordenen Frühsommer nachholen zu können.
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Das hätte auch den Vorteil, dass Verbände, Politik und Behörden die Fans vor sich selbst beschützen würden. Es mag beeindruckend sein, wie viele Menschen sich vor den Stadien in Mönchengladbach und Paris versammelt haben, um ihre Teams zu unterstützen. Letztlich führen sie die Geisterspiele damit aber ad absurdum, sollten doch größere Menschenansammlungen verhindert werden.
Auch wenn es weh tut wäre es besser, den vielen Millionen Fußball-Anhängern für ein paar Wochen ihr Hobby zu nehmen. Die gesellschaftliche Verantwortung geht in diesem Fall vor. Wohin es führt, wenn der Virus unterschätzt wird, sieht man ja gerade in Italien.
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