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Udo Lattek und die Belastungssteuerung beim FC Bayern

Revue
 
 

Fever Pit’ch

8. Januar · Ausgabe #488 · Im Browser ansehen

Das Fußballthema des Tages


Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Heute möchte ich die Gelegenheit nutzen und eine Leser-Umfrage starten: Hört Ihr eigentlich den Fever Pit'ch Podcast? Malte Asmus und ich reden seit über einem Jahr fast jeden Donnerstag über alles, was die Liga bewegt. Wir wollen informativ und gleichzeitig unterhaltsam sein. Was können wir besser machen? Sollen die Folgen länger oder kürzer sein? Wollte Ihr Gäste im Podcast? Wir zwei sind gespannt auf alle Verbesserungsvorschläge.
Ein hörenswertes Wochenende wünscht
Euer Pit Gottschalk

Udo Lattek und die Belastungssteuerung bei Bayern
Immer erste Liga
Immer erste Liga
Die Alkohol-Verdunstungsstunde
Von Ben Redelings
Udo Lattek. Der ehemalige Lehrer für Sport und Englisch war eine der schillerndsten und erfolgreichsten Persönlichkeiten der Bundesliga-Geschichte – und nie um ein offenes Wort verlegen.
“Die großen Trainer haben schließlich alle gesoffen: Weisweiler, Happel, Zebec. Und ich gehöre ja auch zu den Großen”, hat Udo Lattek einmal gemeint. Am 34. Spieltag der Saison 1973/74 sollte dieser Satz eine ganz besondere Note erhalten. Denn damals feierten die Bayern den dritten Bundesligatitel in Folge und den Gewinn des Europapokals der Meister auf eine äußerst ungewöhnliche Art und Weise.
Es ist fast nicht zu glauben, aber Bayern München musste an diesem Maitag des Jahres 1974 tatsächlich unmittelbar nach dem Triumph von Brüssel im Nachholspiel gegen Atletico Madrid auf dem Gladbacher Bökelberg antreten. Zwischen dem Ende der Partie im Landesmeister-Finale in der belgischen Hauptstadt und dem Anstoß in Mönchengladbach lagen gerade einmal 17 Stunden – aber Gott sei Dank auch nur knapp 180 Kilometer.
Bereits in der Nacht nach dem Gewinn des Pokals hatte Torhüter Sepp Maier, gewohnt gut gelaunt, gescherzt: “Wenn ich morgen in Gladbach im Tor stehe und drei Bälle sausen auf mich zu, nehme ich immer den in der Mitte!” Dass das schließlich doch nicht ganz so souverän klappte, wie es sich der spätere Weltmeister-Keeper im Übermut vorstellte, konnten die Münchner problemlos verschmerzen.
Und so meinte nach der 0:5-Schlappe bei Borussia Mönchengladbach der immer noch ausgesprochen prächtig aufgelegte Trainer Udo Lattek mit einem schelmischen Grinsen: “Dieses Spiel war für uns eine Alkohol-Verdunstungsstunde!” Und weiter ging die Party!
Da wollte sich auch der sonst so seriöse Manager der Bayern, Robert Schwan, nicht lumpen lassen. Ihn streckten seine Gefühle sogar auf den grünen Rasen des Bökelbergs nieder. Um 1.000 Mark hatte er mit seiner Mannschaft gewettet, dass er vor dem Spiel einen Purzelbaum schlagen würde. Zur Belustigung aller tat er dies tatsächlich – und kassierte das Geld. Vermutlich, um es augenblicklich in ein paar weitere Fläschchen edlen Champagners zu investieren.
Was die Bayern in dieser Spielzeit ahnten, aber noch nicht endgültig wussten: Die Mannschaft und ihr Trainer hatten ihren Zenit bereits überschritten. Was folgte, war die bis dahin schlechteste Bundesliga-Saison der Münchener. Ein halbes Jahr nach den Feierlichkeiten von Mönchengladbach musste Udo Lattek die Bayern verlassen. Ein im Nachhinein schmerzhafter Verlust – nicht zuletzt an der Stimmungsfront.
"Belastung ist Wahnsinn"
Udo Lattek hat einmal über sich gesagt: “Ich bin der Hans Albers der Bundesliga. Der konnte saufen wie ich und auch arbeiten.” Und Uli Hoeneß erzählte im Rückblick über die erste Zeit des trinkfreudigen Übungsleiters in München: “Der Lattek hat in den beiden letzten Wochen seiner Amtszeit mit den Bayern-Spielern mehr Alkohol verkonsumiert als ein Normalsterblicher in vier Jahren.”
Acht Jahre später holte Uli Hoeneß, nun mehr nicht mehr Spieler, sondern Manager der Bayern, seinen ehemaligen Trainer zurück an die Säbener Straße. Und das hatte einen ganz einfach Grund: Udo Lattek war trotz aller Eskapaden ein zuverlässiger und unglaublich erfolgreicher Coach. Oder wie er es selbst einmal sagte: “Ich habe gerne Alkohol getrunken. Ich habe gerne Bier getrunken, auch mal ein Schnäpschen. Aber mir kann keiner vorwerfen, dass ich jemals irgendwo versagt habe, dass ich irgendwo mal nicht beim Training war oder irgendwo nicht topfit war.”
Und wie Hoeneß es schon sagte, genehmigten sich unter Lattek auch die Spieler gerne mal einen. Ihr Trainer wusste sich das zunutze zu machen: “Einmal bin ich rein gekommen, am Tag vor dem Spiel, im Trainingslager und die Spieler hatten vergessen, die Tür abzuschließen. Ich mache die Tür auf und bleibe erst einmal stehen. Die Spieler dachten, jetzt gibt’s ein riesengroßes Donnerwetter… Ich bin ans Telefon, hab die Rezeption angerufen – noch vier Weißbier bitte, die Gläser sind alle leer. Da war das Eis gebrochen. Am nächsten Tag sind die gerannt wie die Hasen.”
“Die Spieler hatten oft ein derart schlechtes Gewissen wegen ihres lockeren Lebenswandels, dass sie beim Spiel nur an eines dachten: Enttäuscht ja nicht den Lattek. So einen wie den kriegen wir niemals mehr!” Udo Lattek
Das Motto war damals nicht selten: “Auslaufen? Die anderen sollen auslaufen, wir gehen jetzt zum Aussaufen!” Oder wie am legendären 34. Spieltag der Saison 1973/74, als kurzerhand das komplette Spiel in eine “Alkohol-Verdunstungsstunde” umgetauft wurde.
Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein Bestseller “Das neue Buch der Fußballsprüche” verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die „Legenden des Fußballs“ und „Best of Bundesliga“.
Heute im Fernsehen
Gegen Bayern werden Gladbach-Helden geboren
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"Ich beuge mich der Entscheidung, obwohl ich sie bedauere"
Schalke 04, letzte Staffel
Von Alex Steudel
Nein, das sollte erst kein Abgesang werden, aber ich befürchte, es klingt jetzt wie einer. Schon seit längerer Zeit denke ich immer, wenn ich Schalke sehe, höre oder lese, genau das, was ich dachte, als die letzte Staffel von Game of Thrones lief: Das ist alles ganz amüsant und manchmal sogar spannend, aber die Helden werden halt immer weniger. Und bald ist es sowieso ganz vorbei.
So wirkt Schalke 04 heute für mich. Dass zum Beispiel diese Woche länger als fünf Sekunden darüber diskutiert wurde, ob der in verschiedene Skandale verstrickte Ex-Boss Clemens Tönnies noch mal das Scheckbuch zücken darf, gehört für mich schon zur Kategorie “Letzte Zuckungen”. Fehlt eigentlich nur noch, dass Tönnies in seiner Verzweiflung anbietet, Mesut Özil zu kaufen. 
Kategorie “Letzte Zuckungen” ist für mich auch, dass Schalke kürzlich Christian Gross zum dritten Trainer der Saison gemacht hat. Den hatten seit 2015 nur noch Arbeitgeber beschäftigt, deren Namen niemandem was sagen, und die für mich eher klingen wie Gewürze oder Zigarettenmarken aus dem Orient: Al-Ahli, Zamalek.
Ach, Schalke. Es geht zu Ende.
Dabei ist die schöne Zeit gar nicht so lange her. Allein zwischen 2005 und 2018 waren die Königsblauen viermal Vizemeister und dreimal Dritter. Doch selbst die Trainer, die auf Platz zwei landeten, wurden vom Hof gejagt: Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Felix Magath, Domenico Tedesco. Und mit Jens Keller stand der Klub sogar zweimal im Achtelfinale der Champions League. War alles quasi erst kürzlich. Trotzdem alle: fortgejagt. 
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Das war wohl nicht so schlau, wie wir jetzt sehen. Jetzt ist Schalke Letzter, schon sieben Punkte und 22 Tore vom rettenden 15. Platz entfernt. Und Samstag gegen Hoffenheim droht ein Rekord eingestellt zu werden, der für die Ewigkeit geschaffen schien: 31 Bundesligaspiele am Stück ohne Sieg. Wer hätte jemals gedacht, dass es eines Tages einen Traditionsverein geben könnte, der so schlecht ist wie Tasmania Berlin?
Dabei war, das muss man wissen, Tasmania 1965 nur in die Bundesliga nachgerückt, weil Hertha BSC ersetzt werden musste, das wegen verschiedener Schummeleien ausgeschlossen worden war.
Schalke 04 ist ein ganz normaler Bundesligist. Sportdirektor Jochen Schneider musste im Sommer nicht wie einst Tasmania seine Spieler eiligst aus dem Urlaub zusammentrommeln (auch wenn es heute manchmal danach aussieht). 
Tönnies und Schalke: Hilfe als Politikum
Kein Akt der Emanzipation. Im Gegenteil
Schalke wurde 1958 Deutscher Meister. Und dann nie mehr. Siegte damals im Finale gegen: den Hamburger SV. Die Fußballgötter können ganz schöne Drecksäcke sein.
Ich glaube: Wenn Schalke morgen verliert, dann war’s das. Letzte Staffel, Abspann läuft. 
Die gesammelten Steudel-Kolumnen gibt’s jetzt als Taschenbuch und eBook. Titel: “Das Fußball-Jahr 2020 unter besonderer Berücksichtigung des HSV”, 254 Seiten.
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