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Wegen Corona: Rettig fordert Solidarität von den Klubs

Revue
 
Guten Morgen, liebe Fußballfreunde! Gestern bin ich, ich gebe es zu, von einer Nachricht sehr überras
 

Fever Pit’ch

11. März · Ausgabe #360 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, liebe Fußballfreunde!
Gestern bin ich, ich gebe es zu, von einer Nachricht sehr überrascht worden. Nämlich davon, dass Union Berlin das Bundesliga-Heimspiel gegen Bayern München ausnahmsweise vor Publikum austragen darf. Alle Welt will die Bevölkerung vor dem Corona-Risiko schützen und sagt unter Qualen wichtige Spiele ab, manches Land sogar einen kompletten Wettbewerb. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) zum Beispiel verzichtet auf die Play-offs, wohlwissend, dass der Ausfall der Zuschauereinnahmen einen finanziellen Engpass bedeuten wird. Die Gesundheit sei wichtiger, heißt es.
Die Berliner dagegen: Lassen keinen Zweifel daran, dass das Spiel des Jahres an der Alten Försterei steigen soll, als gebe es nicht anderswo schon die ersten Toten. Mal abgesehen von der Gesundheitsgefährdung, die man zur Stunde nicht absehen kann und die uns alle in den vergangenen Stunden überrollt hat: Fortuna Düsseldorf hat schon recht, wenn dort auf einen Wettbewerbsnachteil verwiesen wird, weil die einen mit Fan-Unterstützung spielen dürfen und die anderen nicht. Hier müsste das Solidaritätsprinzip greifen: Alle leiden unter der Extremsituation in diesem Land.
“Ja, Fußball ist schön und Union ist uns wichtig”, las ich im Union-Blog Textilvergehen, “aber auch ja, es gibt elementarere Dinge im Leben und die Notwendigkeit, solidarisch zu sein.” Daran erinnert der ehemalige DFL-Geschäftsführer und Manager Andreas Rettig heute in einem Gastbeitrag. Er geht sogar einen Schritt weiter: Er regt einen Ausgleichsfonds an, damit die von der Extremsituation gebeutelten Bundesliga-Klubs eine Entschädigung erhalten. Man ahnt, was die, die mehr einzahlen als sie kassieren, von dieser Idee halten. Auch das sicherlich: nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Einen kompromissbereiten Mittwoch wünscht
Euer Pit Gottschalk

Klubs in Not: Wettbewerbsnachteil und Umsatz-Ausfall
Fußballmanager Andreas Rettig
Fußballmanager Andreas Rettig
Wegen Corona: Andreas Rettig fordert Ausgleichsfonds für Klubs
Von Andreas Rettig
Die tägliche Pressekonferenz aus dem Robert-Koch-Institut ist derzeit die spannendste und vor allem aufschlussreichste. Dabei schließe ich die Spieltags-Pressekonferenzen mit ein. Hier erfährt der Bürger im täglichen Update, wie der Stand in Sachen Coronavirus lautet.
Auch für den Profifußball sind diese täglichen Hiobsbotschaften nicht folgenlos geblieben. 1.139 bundesweite Infektionen (Stand Dienstag, 10 Uhr) mit steigender Tendenz.
Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW liegt der Schwerpunkt der Epidemie. Hier spielen immerhin 13 der 56 Klubs der ersten drei Ligen. Allein knapp 41.000 Zuschauer im Durchschnitt sind live bei den Bundesliga-Spielen im Stadion vor Ort.
Union Berlin will Corona-Virus trotzen
Düsseldorf protestiert für Wettbewerbsgleichheit
Dass, wie nun geschehen, die ersten Spiele ohne Zuschauer ausgetragen werden, ist besonders für die um Einnahmen gebrachten Heimvereine und deren Fans, aber auch für die Spieler schmerzlich. Doch diese Entscheidung ist richtig, geht meines Erachtens aber nicht weit genug.
Einen, wenn auch nur eine Empfehlung darstellenden Appell vom Bundesgesundheitsminister und des anerkannten Robert-Koch-Institutes ungehört zu lassen und sich hinter lokalen Behörden zu verstecken, ist meines Erachtens fahrlässig, sind doch bereits in allen Bundesländern Corona-Erkrankte gemeldet und die ersten Todesopfer zu beklagen.
Hier sollten die Verbände eine klare und konsequente Entscheidung treffen: Austragung aller Spiele der obersten und zuschauerträchtigsten Ligen ohne Zuschauer. Auch mein Lieblingsverein Rot-Weiss Essen in der 4. Liga wäre betroffen - und ich weiß um die finanziellen Auswirkungen bei einem Traditionsverein, der auf Zuschauereinnahmen angewiesen ist.
Werder Bremen fürchtet Liquiditätsprobleme
Bremen-Innensenator macht der Liga Angst
Die ‘alternativlose’ Priorisierung der Entscheidung im vorliegenden Fall kann nur lauten:
  1. Schutz der Bevölkerung (und damit auch aller Fußballfans) und damit einen Beitrag zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus zu leisten.
  2. Sicherstellung der Integrität der laufenden Wettbewerbe durch Schaffung nahezu gleicher Rahmenbedingungen.
  3. Maßnahmen, die im Hinblick auf a) das aktuelle Lizenzierungsverfahren (Unterlagen müssen bis zum 15.3. eingereicht werden) und b) auf die neue veränderte wirtschaftliche Situation abheben, zu ergreifen.
  4. Lösungen für die Fans und Partner zu finden.
Einzelne Geisterspiele sind zu wenig
Der Spitzensport hat eine Vorbildfunktion
Doch was bedeutet das konkret?
Auch wenn möglicherweise rechtliche Aspekte eine Rolle spielen, muss das ‘Schwarze Peter’-Spiel zwischen Verbänden, Bundes- und Landesbehörden beendet werden, nur so gewinnt man Vertrauen in der Bevölkerung. Keine Spiele mit Zuschauern ist die einzig richtige Entscheidung. Hier werfen die Entscheidungen in Stuttgart, Leipzig und bei Union Berlin Fragen auf.
Dass einigen Klubs 'behördlicherseits’ ein Heimvorteil eingeräumt wird, ist unverständlich. Eine Schadensminderungspflicht darf es im Zusammenhang mit der Gesundheit nicht geben. Für alle Klubs müssen besonders in der finalen Phase der Wettbewerbe gleiche Rahmenbedingungen herrschen. Acht Klubs der Bundesliga haben noch vier, neun hingegen noch fünf Heimspiele. Einen Sonderfall stellt Werder Bremen dar, die sogar noch sechs Heimspiele auszutragen haben.
Erster Corona-Verdacht bei Spitzenspieler
Einmal durchzählen bitte!
Natürlich hat die DFL den Klubs bereits kulantere Auslegungen im Lizenzierungsverfahren im Hinblick auf die zu überprüfende Liquidität in Aussicht gestellt, zumal auch die Einnahmeverluste nicht durch die für alle Klubs abgeschlossene Spielausfallversicherung abgedeckt ist. Diese hilft lediglich bei den zusätzlich entstehenden Kosten bei einer etwaigen Neuansetzung eines nicht zur Austragung gekommenen Spiels.
Hier sind wir nun bei der vielbeschworenen Solidargemeinschaft. Einen Verein mit dem sportlichen und wirtschaftlichen Problem alleine zu lassen, ist in höchstem Maße unsolidarisch. Hier könnte zumindest das wirtschaftliche Problem (größtenteils) gelöst werden. Anders als in der Realwirtschaft verbietet sich für mich der Ruf nach staatlicher Unterstützung, denn der Fußball hat die Kraft, das selbst zu regeln.
Bundesliga mit 21 Mannschaften?
Eishockey-Saison schon vorzeitig beendet
Die DFL/DFB könnten die errechneten Zuschauerausfälle (hier liegen alle Zahlen vor) im Mai ausgleichen, wenn der neue Medienvertrag verabschiedet wird.
Im Vorgriff auf die zukünftigen Erlöse hier den Mitgliedern, im Prinzip eigenen Gesellschaftern des Ligaverbandes unter die Arme zu greifen, wäre eine pragmatische und faire Lösung, stärkt sie auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit in der im Sommer anstehenden Transferperiode durch Planungssicherheit.
Die drei Szenarien für das EM-Turnier (€)
"Ich werde meine Spieler nicht losschicken"
Hinsichtlich des Umgangs der Vereinsverantwortlichen mit dem wichtigsten Stakeholdern, den Fans und Partnern, bin ich sicher, dass auch hier fan-freundliche Angebote entstehen werden. Auch dem Geschäftsführer der DFL, Herrn Seifert, traue ich es zu, kurzfristig eine modifizierte Nutzung der Medienrechte - hin ins Free TV - zu erreichen. Denn volle Kneipen, um gemeinsam das Spiel seines Vereins im Bezahlfernsehen zu schauen, sind sicher keine Lösung.
Abschließend noch eine Frage, die mich umtreibt: Was passiert, wenn in der nächsten Runde eines internationalen Wettbewerbs eine deutsche Mannschaft auf eine italienische trifft? Das Auswärtige Amt hat soeben eine Reisewarnung für Italien ausgesprochen …
Schaulustig
3:0! RB Leipzig erstmals im Viertelfinale der Champions League 3:0! RB Leipzig erstmals im Viertelfinale der Champions League
"Ein Abend für die Bücher"
Das Torfestival mit Josip Ilicic
Heute im Fernsehen
"Weiterkommen, ganz egal wie" "Weiterkommen, ganz egal wie"
"Vorbereiten ist schwierig"
Erling Haaland mit Kampfansage an Lewandowski
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
Vom Guten im Schlechten
Von Alex Steudel
Als Kind habe ich mir abends im Bett immer vorgestellt, dass ich in einem brechend vollen Stadion Fußball spiele, ein tolles Tor schieße und dann von Zehntausenden von Fans gefeiert werde. Am Ende halte ich einen Pokal in den schwäbischen Abendhimmel. Aus geografischen Gründen, ich bin in Stuttgart aufgewachsen, spielten sich diese Szenen nämlich im Blitzlichtgewitter des dreieinhalb Kilometer von meinem Bett entfernten Neckarstadions ab.
Wie mich die Leute liebten! Und wie toll sich das anfühlte!
Aber das Ganze war halt auch: nur eine Phantasie. Auf dem Bolzplatz hinterm Haus, wo wir früher wirklich gekickt haben, wurden schöne Tore zwar ebenso ausgelassen gefeiert, aber eben nur vom Torschützen selbst. Interessiert hat das sonst niemanden. Wenn mal was zu hören war, dann ein Pfeifen: Meine Mutter teilte aus der Ferne mit, dass das Abendessen fertig ist.
Mein Fußball war damals: viele Beine, ein Ball, zwei Tore – mehr nicht. Der Rest: Phantasie. So gesehen, kehrt Fußball jetzt zu seinen Wurzeln zurück. Oder zumindest zu meinen.
Alle Geisterspiele im deutschen Fußball
FC Bayern reagiert auf Söder-Anordnung
Als ich mir zur Vorbereitung auf diese Kolumne das Geisterspiel Juve gegen Inter von Sonntag angeschaut habe, war ich erstaunt, aber auch ein bisschen entzückt: Ich sah diesen Fußball pur. Die reine Leere zwar, aber auch die reine Lehre. Die steinreichen Profis auf dem Platz rannten in fast völliger Stille umher. Man hörte ihre Rufe. Es klang wie früher daheim. Ich wartete förmlich auf den langgezogenen Pfiff meiner Mutter: Jungs, Essen ist fertig!
Ihr seht, ich möchte jetzt das Gute im Schlechten sehen. Das Gute ist: Nach all den unschönen Ereignissen der letzten Zeit kehren wir (hoffentlich kurz) zum reinen Fußball zurück. Beim Juve-Spiel gab’s keine Pfiffe, keine Beleidigungen, kein Hopp-Plakat, keinen Rassismus, keine Bengalos. Ein angeschlagener Sport wurde per Schocktherapie für 90 Minuten sauber und ursprünglich und zu dem, was wir an ihm lieben: einfach nur zu Fußball. Leider unter traurigen Umständen.
Geisterstunde im deutschen Fußball
Frankfurt: Basel-Spiel doch mit Zuschauern
Besonders gut gefiel mir übrigens Cristiano Ronaldo. Er hatte seine Szene schon vor dem Anpfiff: Der Superstar stieg aus dem Mannschaftsbus und klatschte auf dem Weg in die Umkleidekabine Fans ab. Dabei waren gar keine Fans da, Ronaldo klatschte vor dem Geisterspiel zum Spaß Geisterfans ab, und er lächelte dabei schelmisch. Der Mann hat Humor, dachte ich, und in schweren Zeiten braucht man den.
Ich finde, wir sollten jetzt alle ein bisschen Ronaldo sein. Die Nerven behalten und das Positive sehen: Es wird vorbeigehen, bald ist das Virus hoffentlich besiegt. Zurück bleibt die Erinnerung an ein paar Stunden echten Fußballs.
Und machen wir uns mal nichts vor: Die Welt geht nicht unter. Ob der HSV nun vor voller Hütte oder in einem leeren Volksparkstadion schon wieder nicht aufsteigt, macht doch keinen großen Unterschied.
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