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Zweite Coronawelle: Was soll die Bundesliga machen?

Revue
 
Guten Morgen, {{first_name}} {{last_name}}! Es ist der schönste Traum eines jeden Sportjournalisten,
 

Fever Pit’ch

16. Oktober · Ausgabe #438 · Im Browser ansehen
Das Fußballthema des Tages

Guten Morgen, {{first_name}} {{last_name}}!
Es ist der schönste Traum eines jeden Sportjournalisten, der seine Berufung einigermaßen ernst nimmt: bei einer Profimannschaft in der Umkleidekabine sitzen und alles mitbekommen, was Trainer und Spieler sagen. Der Kollege Christoph Biermann durfte das. Ein Jahr lang begleitete er Union Berlin und packte zwischen zwei Buchdeckeln, was er beim Aufsteiger in der ersten Bundesliga-Saison erlebt hat. Der Titel: “Wir werden ewig leben: Mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin”. Tiefer kann der Einblick in die Millionenmaschine Bundesliga nicht werden. Außerdem kann Christoph Biermann richtig gut schreiben. Also: Klare Lese-Empfehlung!
Ein erleuchtetes Wochenende wünscht
Euer Pit Gottschalk

Zweite Coronawelle: Was soll die Bundesliga machen?
Immer auf Distanz bleiben
Immer auf Distanz bleiben
Mehr Vertrauen verdient
Von Alexander Sarter
Und wieder kann der Beobachter nur den Kopf schütteln. Da bestätigt die Politik nach einer Marathonsitzung, dass die Inzidenz im Kampf gegen die ausufernde Corona-Pandemie weiterhin das Maß aller Dinge ist - und was machen Teile des Profifußballs? Sie wollen den Richtwert mit Blick auf die Zuschauerzahl im Stadion kippen.
Angesichts eines neuen Allzeit-Hochs bei den Neuinfektionen muss (schon wieder) die Frage erlaubt sein, in welcher Welt einige Klubchefs eigentlich leben. Die Politik wirbt für weitere Beschränkungen, die große Mehrheit der Bevölkerung sieht das ähnlich - und der Fußball will gleichzeitig neue Regeln, weil ihm die alten nicht mehr ins Konzept passen.
Wie bitte steht das im Einklang mit der angeblichen Demut, die sich die Branche auf die Fahnen geschrieben hat? Die fraglichen Bosse haben offenbar immer noch nicht verstanden, um was es geht. Falls ein Schule dichtmachen muss, weil sich jemand völlig unnötig auf den Tribünen angesteckt hat, sollten Alexander Wehrle und Stefan Reuter vielleicht bei den betreffenden Eltern antanzen, um ihnen die Notwendigkeit von Zuschauern in den Arenen mal ganz genau zu erklären.
Alexander Wehrle kämpft für Fan-Teilrückkehr
Stefan Reuter will "faktenbasierte Diskussion"
Die Forderung nach einer Abkehr vom Inzidenz-Wert steht in einer Reihe mit Äußerungen, die deutlich zeigen, dass der Profifußball wenig bis nichts gelernt hat. So trumpfte Karl-Heinz Rummenigge zuletzt mit der Aussage auf, dass die Zukunft des Fußballs auf “tönernen Füßen” stehe und “alles sehr traurig” sei.
Dass dies nur bedingt etwas mit der Coronakrise zu tun hat, verschwieg der Vorstandsvorsitzende von Bayern München. Die Klubs wurden nämlich von niemandem dazu gezwungen, unanständig hohe Gehälter, Honorare und Ablösesummen zu zahlen. Auch wurden die Vereine von niemandem dazu genötigt, derart unseriös zu wirtschaften, dass ihnen nach wenigen Wochen der Krise das Wasser bis zum Hals stand.
Die großen Fehler hat der abgehobene Profifußball weit vor Corona gemacht. Und er scheint sie weitermachen zu wollen.
Alexander Sarter ist Redakteur beim Sport-Informationsdienst (SID)
Max-Jacob Ost
Wie irre es ist, dass bei Spielen in München immer Hoeneß auf der Tribüne eingeblendet wird und nicht Rummenigge, nicht Kahn, nicht mal Flick oder Salihamidzic. Müsste man mal einen Podcast drüber machen, woher das kommt.
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Illustration: Jens Uwe Meyer / bergfest.at
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Autogrammjäger Scholl: Happy Birthday, Mehmet!
Von Alex Steudel
Achtung, das ist kein objektiver Text. Ich habe Mehmet Scholl zwar kennengelernt, als ich ein ganz normaler Reporter war, normal ist aber nie etwas gewesen zwischen uns. Und das kam so.
Es ging alles 1997 los. Ich war neu in der Sportredaktion der Münchner Abendzeitung und deshalb noch lange kein Bayern-Reporter. Da gab es damals andere, bessere. Das höchste der Gefühle für einen Neuling wie mich war, zu einem Heimspiel des FC Bayern mitgehen und „Stimmen sammeln“ zu dürfen. Stimmen sammeln hieß: Mit einem Notizblock die Statements der Spieler nach dem Abpfiff aufschreiben und sie dann den echten Bayern-Reportern der Redaktion übergeben. Die waren zwar zu zweit, aber im Olympiastadion, wo die Bayern damals ihre Heimspiele austrugen, gab es für Fußballer mehr als zwei Ausgänge. Also mussten auch mehr als zwei Redakteure postiert werden, um sie alle abfangen zu können. 
Ich war neu, ich bekam die Tiefgarage.
Als ich Mehmet Scholl nach so einem Heimspiel zum ersten Mal persönlich traf, war ich aufgeregt. Scholl war erst 27 Jahre alt, aber längst eine Legende: Deutscher Meister und Uefa-Cup-Sieger mit den Bayern, Europameister mit der Nationalmannschaft. Und er war für Journalisten ganz besonders ergiebig, denn er füllte die Sportseiten, weil er so ein großartiger Fußballer war, und aufgrund seines eher aufregenden Privatlebens füllte er auch die Klatschspalten. Content-Mehrfachverwertung, würde man heute dazu sagen.
Ich sah Scholl nach dem Spiel frisch geduscht aus der Umkleide kommen. Ich stellte mich vor ihn. Ich war nervös. Ich hatte einen Notizblock in der linken und einen Stift in der rechten Hand. Er einen Kulturbeutel unterm Arm. Er erkannte mich nicht. Er schaute mich nochmal an, weil ich ja direkt vor ihm stand. Und dann griff er nach meinem Block und meinem Stift. Da wurde mir klar: Der denkt, ich bin Autogrammjäger. Da fing nicht gut an.
Es ging auch nicht gut weiter. Scholl steckte damals in einer Lebenskrise. Er trat deshalb außerhalb des Fußballs medial nicht in Erscheinung, gab also keine Interviews, was schlecht für mich Neuling war: Ich hatte keine Gelegenheit, unsere Autogrammjägerbeziehung auszubauen.
Was bekannte Persönlichkeiten, die sich Journalisten total verschließen, manchmal vergessen, ist, dass trotzdem immer jemand da ist, der etwas über sie verfassen muss. Das nennt man dann „etwas kalt schreiben“: Der Autor bastelt eine Geschichte aus dem zusammen, was er beobachtet hat, plus was allseits bekannt ist, plus allem, was die Archive (heute: Google) so hergeben.
Ich musste das einige Zeit später auch tun. Denn Scholl sagte ja nichts. Ich schrieb also im Auftrag meines Ressortleiters „kalt“ ein längeres Stück über den neuen Scholl, der nichts mehr sagt, aber dank aufopferungsvollen Trainings immer dickere Oberarme kriegt. Der schweigende Goretzka quasi. Ich muss zugeben: Das Stück geriet mir ziemlich sarkastisch.
Was Scholl nie erfahren hat: Ich habe ihm genau deshalb viel zu verdanken. Diese Geschichte war nämlich ein Wendepunkt für mich, den Neuling. Sie begeisterte meinen damaligen Ressortleiter dermaßen, dass er mich am Erscheinungstag sehr frühmorgens anrief. Ich werde nie vergessen, wie mir meine damalige Frau das Handy in die Dusche hielt und flüsterte: „Dein Chef!“
Der Scholl-Text sei das beste, das ich je geschrieben habe, sagte Herr Urban, mein Chef, dann, und kündigte dem tropfenden Steudel einen steilen Aufstieg und reizvolle Aufgaben an, wenn er denn nur so weitermache.
Ganz kurz darauf geschah etwas noch Außergewöhnlicheres: Mehmet Scholl passte mich nach dem Training an der Säbener Straße ab, gleich draußen neben dem Rasenplatz. Wieder war er frisch geduscht. Nur wusste er diesmal genau, wer ich war.
Scholl kam geradewegs auf mich zu und sagte: „Du, was hast du eigentlich gegen mich?“
TRAILER Frei:Gespielt - Mehmet Scholl
Ich war aus mehreren Gründen baff. Erstens, weil das die ersten Worte waren, die er je an mich gerichtet hatte. Zweitens, weil mir das Ganze unglaublich peinlich war, was damit zu tun hatte, dass drittens überall Menschen herumstanden und diese Szene verfolgten: Die zum Training angereisten Bayern-Fans hinter mir und Kollegen anderer Zeitungen neben mir, die natürlich schon breit grinsten und sofort in einer Mischung aus Spott und Bewunderung - schließlich hatte mich ja der schweigende Scholl angesprochen - auf mich einredeten.
„Ja, Steudel, was hast du bloß gegen den Scholli? Na? Sag es schon, Mensch! Raus damit!“ 
Ich war natürlich überzeugt, dass die ersten Worte, die Scholl jemals an mich gerichtet hatte, auch die letzten bleiben würden. Für immer.
„Nein, nein, ich habe nichts gegen dich, wieso?“ stammelte ich, obwohl ich natürlich genau wusste WIESO.
Dann überraschte mit Mehmet Scholl noch mal. 
„Wir müssen mal zusammen essen gehen“, sagte er, drehte sich um und ging wieder.
Das Essen fand kurze Zeit später statt und war außergewöhnlich.
Außergewöhnlich aus heutiger Sicht, weil wir zu zweit waren. Der Termin war mit keiner Medienabteilung abgesprochen, und kein Spielerberater hatte seinen Segen gegeben. Es war auch kein Pressesprecher des Vereins dabei. Wir hatten uns einfach zusammentelefoniert. 
Außergewöhnlich aus damaliger Sicht, weil Scholl meinen Artikel über ihn beim Essen in einem kleinen italienischen Restaurant in der Münchner Innenstadt, wo unsere Redaktion auch den allabendlichen Prosecco bezog, mit keinem Wort erwähnte. Er tat von der ersten Sekunde an so, als würden wir uns schon ewig kennen. Er war nett zu mir. Ich zu ihm. Wir verstanden uns gut und redeten über das Leben.
In all den Jahren, die ich bei der Abendzeitung, später der Welt, Welt am Sonntag und Sport-Bild arbeitete, brach der Kontakt nie ab. Ich hatte nie viel von dieser Freundschaft, also beruflich, denn Scholl lieferte mir quasi nie Interna. Es gab keinen unausgesprochenen Deal zwischen uns, wie er manchmal zwischen Spielern und Reportern üblich ist: Du lässt mich in Ruhe, und dafür füttere ich dich mit Infos. Aber das war mir egal, unsere Beziehung war für mich immer: nett und ein bisschen rätselhaft. Er war manchmal wie ein Freund, aber er war auch öfter der berühmte Scholl, der sich verschloss. Und ein bisschen verrückt war (und ist) er auch.
"Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich 67 Kilo geballte Erotik" "Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich 67 Kilo geballte Erotik"
Ich erinnere mich an ein Winter-Trainingslager der Bayern in Spanien, als die Spieler abends freihatten, weshalb mich Mehmet fragte, ob ich mit ihm Essen gehen wolle. Wollte ich natürlich gern. Ich weiß noch genau, dass damals in der Redaktion Gerüchte die Runde machten, Scholl trinke aufgrund seiner privaten Situation sehr, sehr viel Alkohol. Irgendwie beruhigte es mich, dass er an dem Abend schon nach einem Glas Rioja sternhagelvoll wirkte. Das habe ich ihm aber nicht gesagt.
Der Abend endete später als Nacht in einem Kasino, wo Scholl die spanischen Croupiers am Roulette-Tisch in deutscher Sprache auf lustige Weise anpöbelte. Ich betete, dass keiner von denen Deutsch verstand, denn sie waren sehr groß und stark. Zwischendurch hatten wir noch einen Wein mit Winfried Schäfer getrunken, dessen KSC, von dem Scholl ja zum FC Bayern gewechselt war, auch ein Trainingslager in der Nähe bezogen hatte.
Später, als ich nicht mehr als Sportredakteur arbeitete, wurde der Kontakt seltener und riss irgendwann ab. Und jetzt wird Mehmet Scholl 50. Unfassbar eigentlich. 
Ich denke oft über diese Zeit nach. Seine Karriere war zwar erfolgreich, wenn man die Silberware wiegt, die er gewonnen hat, sie hätte aber viel erfolgreicher sein können. Er tut mir heute noch leid, weil er in die  2000er-Mannschaft geriet, die sich bei der EM blamierte. Es tut mir leid, dass er sich kurz vor der WM 2002 verletzte und nicht mitkonnte.
Und natürlich tat er mir besonders leid in der dramatischsten Stunde seiner Karriere (und meiner wohl auch), im Mai 1999, der Nacht des Champions-League-Endspiels gegen Manchester United. Die Bayern hatten in Barcelona bis zur 91. Minute 1:0 geführt und noch 1:2 verloren.
Mehmet Scholl wirkte auf dem Bankett nach dem Spiel vollkommen paralysiert. Und, typisch für ihn, er kompensierte das auf sehr eigenwillige Art: Scholl trug ein weißes T-Shirt, lief weit nach Mitternacht ziellos durch die Gegend und sammelte bei allen den Bankettgästen Autogramme ein – sie mussten, warum auch immer, auf seinem Shirt unterschreiben.
Als er schließlich zu mir kam, lächelte er nur, drückte den Stift in meine Hand und hielt mir seine Schulter hin. In dem Moment musste auch ich lächeln. Ich gab einem der besten Spieler, die Deutschland je hatte, und der mich einst mit einem Autogrammjäger verwechselte – ein Autogramm.
Wie ich schon gesagt habe: Zwischen Mehmet Scholl und mir war immer alles irgendwie anders.
Happy Birthday, Mehmet!
Alle mal herschauen!
Zu Besuch bei Werner Beinhart Zu Besuch bei Werner Beinhart
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